Zurück ins Glück

Neuer Tag, neues Glück. In unserer wohlig warmen Lodge werden wir am Morgen von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, die auf die Bettdecke fallen. Einzig die Pfützen vor dem Haus erinnern an den starken Regenfall von gestern, der Himmel zeigt sich wolkenlos. Es kann weiter gehen! Mit Lui hätten wir auch noch eine weitere Nacht das Zimmer geteilt, aber Norden und Süden liegen nun mal in entgegen gesetzter Richtung. Auf den ersten Metern können wir uns kaum am Türkisblau des parallel zur Strasse verlaufenden Flusses satt sehen. Es ist, als würde sich Gummischlumpfmasse einen Weg durch die grüne Einöde bahnen. An diesem Tag fahren wir ins 70 Kilometer entfernte Puerto Rio Tranquilo. Die Strasse schlängelt sich durch verschiedene Täler, vorbei an einmal mehr wunderschönen Seen und Laubwäldern. Uns eröffnet sich ein traumhafter Blick in die Weite.

Auf einer etwa zehn Kilometer langen Teilstrecke haben wir kräftigen Gegenwind und sind froh, als die Strasse eine scharfe Rechtskurve nimmt. Die nächsten Kilometer mit stetigem Auf und Ab fallen uns gleich viel leichter. Trotzdem sind wir auch heute bis zum Abend unterwegs.
Wir sind nicht die Einzigen, die an diesem Tag in Puerto Rio Tranquilo stranden. Das Dorf wird von Rucksack- und Radtouristen überrannt, sie alle wollen sich die hiesigen Marmorhöhlen anschauen.
Am nächsten Morgen brechen wir gerade genug früh auf um der Regenfront zu entfliehen, die wenig später eintrifft. Nach einigen Kilometern erblicken wir in der Ferne die ersten Radler, die uns an diesem Tag entgegenkommen. Schnell ist klar, dass es sich um Europäer handeln muss, diese erkennt man jeweils schon aus der Ferne an ihren ORTLIEB Gepäcktaschen. Beim Näherkommen stellen wir fest, dass wir nicht nur die Taschen, sondern auch die Personen auf den Rädern kennen. Es ist das österreichische Ehepaar, welches wir letztmals in Yukon, Kanada gekreuzt haben! Wir können es kaum fassen, dass wir uns hier am anderen Ende von Amerika wieder treffen! Natürlich gilt es all unsere Erlebnisse der vergangenen Monate am Strassenrand auszutauschen. Wer weiss, wo wir uns das nächste Mal begegnen – vielleicht in den Alpen?

Auf der Weiterfahrt tauchen wir in eine grüne Oase ein, die Wälder und saftigen Wiesen deuten auf zahlreiche vergangene Regentage hin. Nur das oberste Drittel der Hügel liegt oberhalb der Baumgrenze. Wir haben Glück, die Regenwolke ist nie direkt über unseren Köpfen und wir bekommen nur etwas Nieselregen ab. Aber auch heute geht es nur schleppend voran. Die Tage sind zermürbend und zehren mächtig an unseren Energiereserven. Wir radeln bis gegen sechs, ehe wir unser Zelt am Fluss auf einem von Bäumen gut geschützten Stück Wiese aufschlagen. Der Regen geduldet sich bis wir zu Bett gehen.
Mit leichtem Rückenwind wird die morgendliche Fahrt nicht allzu streng, obwohl die Schotterstrasse mal wieder mässig gut ist. Nach einigen Metern gemütlichen Einfahrens beginnt die Steigung. Gegen Abend gelangen wir auf ein Hochplateau mit atemberaubender Aussicht. Zu unserer Linken steht einer der imposantesten Berge der Carretera Austral, der Cerro Castillo – wörtlich „Schlossberg“ – welcher mit seinen vielen, schneebedeckten Felstürmen wie eine Burg aussieht.

Rundherum liegen weitere Schneeberge und vor uns die Weite des nächsten Tales. Dieser Ausblick entschädigt für all die Strapazen der vergangenen zehn Tage, zum allerersten Mal gefällt es uns richtig gut auf unserer Radreise durch Patagonien.

Bei der nächsten Etappe erwarten uns genau hundert Kilometer und mehr als 2000 Höhenmeter. Auf unbefestigter Strasse könnten wir diese Strecke kaum bewältigen, aber der Weg in die Stadt Coyhaique ist asphaltiert und wir sind überzeugt, den weiten Weg in einem Tag zu schaffen. Wieder können wir knapp dem Regen entfliehen und der Wind schlägt sich auf unsere Seite. Nach Tagen auf Ruckelpisten fühlt sich das Radeln auf der glatten Unterlage und mit dem Wind im Rücken wie fliegen an. Bereits am Mittag erreichen wir die Passhöhe und somit den höchsten Punkt der Carretera Austral. Wir malen uns aus, wie wir am späten Nachmittag in der Stadt eintreffen und bei Sonnenschein unser Schokoladeeis auf den Stühlen vor der Eisdiele geniessen. Leider kommt alles ganz anders als erträumt. Nach dem Mittagessen schlägt der Wind um und bläst nun mit voller Kraft von vorne. Obwohl es oft runter und geradeaus geht, kommen wir kaum mehr voran. Im kleinsten Gang kämpfen wir uns Meter für Meter durch das idyllische Appenzellerland des chilenischen Patagoniens.

Am Strassenrand blühen Klee, Margeriten, Schafgarben und die Rosenblätter des Hagebuttenstrauchs, sie alle strecken uns ihre Köpfe weit entgegen. Die weidenden Kühe und Ziegen stören sich kein bisschen am heftigen Wind und die Radler, die uns aus dem Norden entgegenkommen, sind alle bestens gelaunt, müssen sie doch kaum in die Pedalen treten.
Wir haben diesen Moment kommen sehen, dies ist die vielzitierte Strafe dafür, dass wir die Carretera Austral aus der falschen Richtung befahren.
Dreissig Kilometer vor dem Ziel fährt ein VW-Bus mit Solothurner Nummernschild an uns vorbei. Es sind Sarah und Martin, die wir bereits von El Chalten her kennen und mit denen wir Silvester verbracht haben. Zum Glück halten sie am Strassenrand und wir können bei ihnen unsere Wasserflaschen für das finale letzte Drittel bis ins Ziel auffüllen.
Wir treffen schlussendlich nach neun Stunden reiner Fahrzeit um 19 Uhr in Coyhaique ein. Anstatt zur Eisdiele führt uns unser Weg direkt in den Supermarkt. Zu unserer Freude finden wir prall gefüllte Gemüse- und Fruchtablagen vor. Unser Einkaufswagen verwandelt sich bis zur Kasse in eine rollende Vitamin-, Protein- und Serotoninbombe. Eines steht an diesem Abend fest, morgen ist ausruhen und ausschlafen angesagt.
Am Sonntagmorgen frühstücken wir nochmals ausgiebig, bevor unsere Reise weitergeht. Bei strahlend blauem Himmel, Windstille und warmen 32 Grad fahren wir in Richtung Villa Mañiguales. Jedes Schatten spendende Wäldchen kommt uns an diesem Tag gelegen, diese sind allerdings in der wunderschönen Berglandschaft selten gesät.

Auch heute kommen wir nochmals in den Genuss von Teerstrassen und unsere ausgeruhten Beine danken es uns mit Höchstleistung. Die hundert Kilometer vergehen wie im Fluge, kurz vor dem Dorf werden wir dann aber noch von einem belgischen Pärchen eingeholt, das sich ebenfalls nach einer Abkühlung sehnt. Im Minimercado decken wir uns mit dem lang ersehnten und längst überfälligen Eis und eiskalten Getränken ein und setzen uns gemeinsam an ein schattiges Plätzchen. Da auch die Belgier auf der Suche nach einem geeignetem Nachtlager sind, machen wir uns gemeinsam auf den Weg. Einige Kilometer ausserhalb des Dorfes finden wir eine nicht eingezäunte Wiese direkt am Fluss mit herrlicher Aussicht auf die Schneeberge. Da schlagen wir unsere Zelte auf und verbringen zusammen einen ganz tollen Abend. Als es eindunkelt, breitet sich ein wunderbar klarer Sternenhimmel über uns aus und wir können uns kaum satt sehen an der Milchstrasse und den Sternschnuppen, die über unseren Köpfen ihren Schweif ziehen. Ein perfekter Tag geht zu Ende – Traumstrasse Carretera Austral, wir sind angekommen!
Nach einer ruhigen Nacht und einem gemütlichen, gemeinsamen Frühstück am Fluss versuchen wir das bockige Rad von Trien wieder in Schuss zu bringen, was uns leider nur teilweise gelingt.
Sven und ich brechen dann etwas früher auf als unsere belgischen Radlerfreunde. Auch heute ist es wieder extrem heiss und am Himmel ist kein Wölkchen auszumachen. Es geht immer mal wieder bergauf und wir wähnen uns im Bündnerland. Am späteren Mittag treffen wir im nächsten Ort ein, wo wir noch für das Abendessen einkaufen wollen. Die Rechnung haben wir ohne die chilenische Siesta, die hier im Süden weit verbreitet ist, gemacht. So stranden wir, wie drei weitere Radler, im einzig offenen Restaurant und kommen ins Gespräch mit einem jungen Chilenen aus Santiago, der mitten in seinem Medizinstudium steckt und nun mit dem Rad auf dem Weg nach Cochrane ist, wo er ein Praktikum absolvieren wird. Von ihm erfahren wir viel über die chilenische Kultur und das harte Leben in Patagonien, hier hat man wirklich besser keine medizinischen Probleme – Holz anfassen.

Etwas vorsichtiger nehmen wir die kommende Strecke unter die Räder. Die Nacht verbringen wir an einem Fluss.
Es folgen noch drei wunderschöne Kilometer auf Asphalt, ehe die Strasse sich wieder in eine Holperpiste verwandelt. Wir begrüssen es sehr, dass unser Weg durch den Regenwald führt, denn auch heute übersteigt das Quecksilber die 30°C Marke.

Pünktlich zum „Zvieri“ treffen wir in Puyuhapi ein. Von anderen Radlern haben wir gehört, hier gäbe es den besten Kuchen. Lustig, auch die Chilenen nennen den Kuchen „Kuchen“, deutschen Einwanderern sei Dank. Diesen wollen wir uns unter keinen Umständen entgehen lassen und „suchen bis gefunden“. Und tatsächlich, im deutschen Café Rossbach steht ein perfekt aussehender Gleichschwerkuchen mit Pflaumen auf dem Tresen. Wir bestellen je ein Stück und weil er all unsere Erwartungen übertrifft gleich noch ein Stück. Den Kuchen hätte auch eine Schweizer Hauswirtschaftslehrerin nicht besser hingekriegt :-). Kurz nach unserer Ankunft trifft ein Reisecar mit deutschen Touristen im Ort ein und alle stürzen sich auf das deutsche Kaffeehaus. Wir ergreifen die Flucht. Im kleinen Dorfladen decken wir uns für das Abendessen ein, zu unserem Erstaunen gibt es ein buntes Gemüsesortiment und dazu noch die besten Empanadas überhaupt. Mit vollem Kuchen/Empanadas-Bauch fährt es sich ganz gut bis zum 12 Kilometer entfernten Nationalpark. Dieser steht den amerikanischen Nationalpark-Campingplätzen in nichts nach, uns erwarten abgetrennte Plätze im Wald direkt am See mit je zugehöriger überdachter Feuerstelle, Tisch und fliessend Wasser.
Am Morgen ist vom Ranger, der das Geld einkassieren sollte, nichts zu sehen und wir machen uns gegen zehn aus dem Staub – oder treffender gesagt zurück in den Staub. Da es seit Tagen nicht mehr geregnet hat, werden wir von jedem vorbeiziehenden Auto in eine Staubwolke gehüllt. Heute ist es besonders schlimm, da auf der Strecke Unterhaltsarbeiten gemacht werden und wir im Zehnminutentakt von schwer beladenen Lastwagen überholt werden. Bis zum Abend sind wir von der Schuhspitze bis zum Helm eingepudert. 
Anderntags geht es flott voran und wir treffen bereits am Mittag in La Junta ein. Dort haben wir mal wieder die Qual der Wahl zwischen drei ganz schmuddeligen Minimärkten. Wie gerne würde ich von den verschimmelten Würsten, dem gammligen Gemüse und den von Spinnennetzen eingehüllten Regalen unbemerkt Fotos schiessen, aber die Augen der zahlreichenVerkäuferinnen sind stets auf mich gerichtet. Der Duft nach frischem Rattenurin bewegt mich dazu, nur Nahrungsmittel aus den oberen Regalreihen auszuwählen, eine weitere Einschränkung beim ohnehin spärlichen Angebot. Knorrli kümmert es wenig, er schwingt auch heute die Suppenkelle und lächelt mir freudig zu. Was würden wir auch ohne ihn machen?
Der Abend am See ist wunderbar, der nächste Morgen eher nervenaufreibend. Es herrscht drückende Hitze und wir sind umgeben von vorwitzigen Pferdebremsen mit rotem Bauch – wohl die Grenadiere ihrer Art –, die Jagd auf uns machen. Klatschen wir sie ab, stürzen sie zwar zu Boden, können sich aber meist innert Sekunden wieder aufraffen und weiterfliegen. Das Motto dieses Tages ist gegeben: Bloss nicht anhalten.
Schon bald erreichen wir Villa Santa Lucia und biegen rechts ab. Dies ist unser ziemlich unspektakulärer Abgang von der Carretera Austral. Die letzten 300 Kilometer lassen wir zu Gunsten einer angeblich noch schöneren Strecke in Argentinien aus.

Heute begnügen wir uns mit einer kürzeren Etappe und gönnen uns dafür im nächsten See ein Erfrischungsbad. Seit Tagen denken wir, wir hätten den schönsten Wildcampingplatz bereits gefunden und werden immer wieder aufs Neue überrascht. Dieser ist nun allerdings definitiv schwer zu übertreffen.

Sandstrand, tiefblaues Wasser, stahlblauer Himmel, 30 Grad und im Hintergrund die Schneeberge. Einziger Programmpunkt an diesem Abend ist „disfrutar“.
Kaum losgeradelt, werden wir auch noch von einem jungen holländischen Pärchen ein- und nach kurzer Zeit überholt, die fliegenden Holländer – ein Phänomen, das wir ja bereits von Alaska her kennen. Wir (Sen nur bedingt) nehmens gelassen. Die Landschaft hat sich in den letzten Tagen wenig verändert, Kuh- und Schafweiden links und rechts von der Strasse, Berge im Hintergrund und ab und zu ein Bergrestaurant oder eine Unterkunft am Strassenrand. Fehlt nur noch die Bergseilbahn. Nach dem Mittag wird es unerträglich heiss, wir nutzen jedes Bäumli für eine kurze Trinkpause. Als wir gegen Abend in Futaleufu eintreffen, kommen uns die Holländer entgegen, auch sie sehen etwas abgekämpft aus, wollen nach ihrem Glacéhalt aber noch etwas weiter fahren. Dieser jugendliche Übermut fehlt uns, wir bleiben im Ort und quartieren uns mal wieder in einem Vorgarten eines Einfamilienhäuschens ein, das ein Campingschild vor der Türe hängen hat – so funktioniert „Zelten“ in Chile. Der Schlafplatz ist total überteuert, aber immerhin gibt es Internet und das alte Besitzer-Ehepaar kümmert sich rührend um uns. Der kleine, alte Mann, dessen Hosenbund über den Bauchnabel gezogen ist, hat stets ein Lächeln im Gesicht und als er hört, dass wir Chorizo grillieren wollen, macht er uns kurzerhand ein Feuer. Zum Dessert serviert uns die Frau selbstgemachte, noch warme Sopaipillas, eine frittierte, chilenische Spezialität.
Am Ende der Quartierstrasse steht eine Arena und dort beginnt an diesem Freitagabend das dreitägige Rodeofest, welches Besucher weit über die Dorfgrenzen anlockt. Dies wollen auch wir uns nicht entgehen lassen. Den rekordverdächtig heissen Samstag verbringen wir unter dem Obstbaum im Garten, ehe wir uns am frühen Abend auf das Rodeogelände vorwagen. Bei unserem Eintreffen ist das Spektakel in vollem Gange. In der Arena tummeln sich gegen dreissig in Tracht gekleidete Herren auf ihren herausgeputzten Pferden. Immer zwei bilden ein Team und jedes Team muss der Reihe nach ein Kälbchen im Halbkreis herumjagen, es am Ende an eine Schaumstoffwand drücken und dann wieder auf dem gleichen Weg zurückbringen und dort nochmals an die Wand drücken. Die Reiter und Pferde müssen dafür sorgen, dass das Kälbchen nicht entweichen kann, sie reiten links und rechts neben dem Kalb her und versuchen es so im Zaum zu halten. Während das Publikum ihre Favoriten lautstark anfeuert, muss ich mich eher zwingen, überhaupt hinzuschauen, bluten einige Kälbchen doch aus dem Mund, andere prallen gegen die Wand und fallen kopfüber auf den Boden oder stolpern. Ich bin ziemlich froh, als endlich Pause ist. Ich finde es weitaus spannender, den Frauen in der Küche über die Schultern zu schauen wie sie Empanadas zubereiten.
Die chilenischen Männer haben sich in Schale geworfen, alle tragen einen Hut und das Hemd ist ordentlich in die Faltenhose gestopft. Zu dieser Stunde ist aber bei einigen das Outfit schon etwas ausser Form geraten, denn das Bier fliesst in Strömen. Als das Spektakel in die zweite Runde geht, machen wir uns vom Acker. Das Fest dauert auch ohne uns bis zum Morgengrauen und einmal mehr fragen wir uns, weshalb wir noch keine Ohropax gekauft haben.
Kaum auf dem Rad, schon in Argentinien. Die Landschaft verändert sich mit dem Grenzübergang und wird augenblicklich karger und trockener. In der nächsten Stadt erfreuen wir uns ob den sauberen, argentinischen Läden und dem wunderbaren Angebot. Weshalb die Versorgung hier in Argentinien so viel besser klappt als in Chile bleibt uns schleierhaft.

An diesem heissen Sommersonntag ist ganz Argentinien in der Natur, die meisten zieht es an die Seen und Flüsse, dort zelten und baden sie und veranstalten riesige Grilladen. Beliebtestes Ausflugsziel ist der nahegelegene Nationalpark, den auch wir ansteuern. Gegen Abend kehren sie alle aus ihren Wochenendoasen zurück in die Stadt und die Strasse verwandelt sich in einen Staubkorridor. Für die argentinischen Autofahrer ist dieser – für unser Verständnis – schlechtere Feldweg eine Autobahn und es wird mit riskanten Manövern in hohem Tempo überholt. Öfters müssen wir uns mit einem Schwenker in den Graben aus der Gefahrenzone bringen. Glücklicherweise fahren wir in die Gegenrichtung und sehen die Gefahr jeweils kommen. Ziemlich spät treffen wir im Nationalpark ein, nur noch die Müllberge erinnern an die zahlreichen Wochenendgäste. Im glasklaren See befreien wir uns von Staub und Schreck.
Am Montag geht es auf den Strassen zum Glück merklich ruhiger zu und her. Wir fahren den Seen des Los Alerces Nationalparks entlang in Richtung Norden. Da es erneut so heiss ist, machen wir nur 50 Kilometer und steuern wieder einen See an. Vor dem Abendessen nehmen wir uns viel Zeit zum Baden und Ausruhen.
Tags darauf geht es nach El Bolsón, noch 40 Kilometer kämpfen wir uns über schlecht präparierte Schotterstrassen, ehe der lang ersehnte Moment plötzlich eintrifft. SCHNITT. Wir müssen kaum in die Pedalen treten und es rollt und rollt und rollt! Wer hat den Asphalt erfunden? Wo darf ich Blumen niederlegen? Für dich würde ich bis ans Ende der Welt reisen!

Die nächsten 60 Kilometer sind wir im Flow und erreichen gegen Abend völlig entspannt die Hippiekommune El Bolson. Auf dem Campingplatz – für einmal einer wie aus dem Bilderbuch – bleiben wir nicht lange, denn ein leichtes Hungergefühl zieht uns in die Stadt. Dort erwartet uns ein toller Stadtkern mit vielen Musikern und noch mehr filzigen Hippies, die tanzen und flanieren. Wir lassen uns in der Menschenmenge treiben und geniessen zuerst mal ein Bier im Biergarten einer der zahlreichen Minibrauereien. Vor neun Uhr abends in ein Restaurant zu gehen, scheint hier unmöglich zu sein. Um diese Zeit sind noch nicht mal die Speisekarten ausgehängt. Wir gönnen uns zu später Stunde in einem Gartenrestaurant ein Parillada. Hierbei handelt es sich um eine argentinische Grillspezialität, bei dem eine heisse Platte mit grillierten Fleischspezialitäten serviert wird. Das Fleisch schmeckt vorzüglich, Sven mag sogar die Blutwürste, nur beim Darm muss auch er passen.
Der folgende Tag vergeht wie im Fluge – wir machen die Feinplanung für unsere Weiterreise – und zur Erholung und Stadtbesichtigung bleibt gar keine Zeit. Wir entscheiden uns deshalb dafür, einen weiteren Tag in El Bolsón zu bleiben. Da wir unser Zelt unter den Bäumen aufgeschlagen haben, werden wir nicht von der Sonne, sondern von Vögeln neben unserem Zelt geweckt, die den nahenden Weltuntergang oder Schlimmeres verkünden. Genau, Ohropax wollten wir kaufen! Gleich nach dem Frühstück geht’s in die Apotheke. Jetzt sind wir stolze Besitzer von Tapon de oidos, Ohrentampons oder so.
Auf dem Dorfplatz findet ein grosser Markt statt, bei dem die Hippies ihr Handwerk und allerlei Leckereien und Sonstiges (eher aus dem Graubereich) an den Mann und die Frau bringen wollen. Zu unserer Überraschung ist das Angebot äusserst vielseitig und ansprechend, leider sind unsere Taschen aber bereits voll und so hat es mal wieder nur in unseren Bäuchen Platz – diese sind Fässer ohne Boden. Sie werden mit ausgezeichnetem Kirschenkuchen, Empanadas und frischem Himbeersaft verwöhnt.

Am Abend verkündet uns der Campingplatzmitarbeiter, dass morgen das dreitägige Bierfest beginnt. Allmählich dämmert mir, wie all die Leute in dieses Kaff kamen und für immer blieben. In Gedanken sehe ich mich bereits hinter einem Marktstand stehen und selbstgemachte Leckereien verkaufen. Ich bin in El Bolsón, holt mich hier raus! Es ist höchste Zeit diesen Ort zu verlassen. Anderntags in der Früh ist es in den Strassen noch ruhig und wir haben freie Fahrt. Auch auf dieser Seite der Stadt ist die Strasse geteert, leider ging beim Strassenbau der Radstreifen vergessen, so bleibt uns die weisse Linie am Rand und notfalls der Schotterstreifen. Diesen brauchen wir öfters mal, denn die Car- und LKW – Lenker kennen nur die Hupe, das Bremspedal scheint tabu zu sein. Einige sind so freundlich und hupen zirka eine Sekunde bevor sie uns überfahren würden, wir verlassen uns lieber auf unseren Rückspiegel. Die argentinischen Ferientouristen mit ihren vollgestopften Schrottwagen sind da wesentlich entspannter, sie hupen schon fünf Sekunden vor dem Überholmanöver, damit wir auch ja genug Zeit haben um ihnen zuzuwinken. Wir müssen uns mächtig konzentrieren, dass wir bei einhändiger Fahrt nicht von der Linie abkommen.
Am Abend landen wir irgendwo in der Wildnis und Quellwasser ist unser Bierersatz, unter diesen Umständen vielleicht gar nicht so schlecht.

Anderntags kommen wir mal frühzeitig aus den Federn. Die Strasse führt dem See entlang und später über einige bewaldete Hügel. Heute Mittag sollten wir Bariloche erreichen, eine argentinische Bergstadt, die als St. Moritz von Argentinien gehandelt wird und für seine ausgezeichnete Schokolade und das tolle Skigebiet über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Wie sehr freuen wir uns auf ein schmuckes Städtchen mit Charme. Zuerst kämpfen wir aber mit den stark befahrenen, schmalen Strassen und der unberechenbaren Fahrweise der Autofahrer. Ob die Argentinier ihre Fahrprüfung im Lotto gewinnen können? Ein Schild verkündet uns, dass Bariloche nur noch wenige Kilometer entfernt liegt. Begrüsst werden wir von einer riesigen Müllhalde, hinter einem Stacheldraht türmen sich Müllsäcke, soweit das Auge reicht. Vögel machen sich in Scharen über die Delikatessen her und Fliegen schwirren vor unseren Köpfen. Es stinkt gewaltig nach verwestem Allerlei. Mit zugehaltener Nase fahren wir weiter und gelangen in die Favelas von Bariloche. Auf beiden Seiten der Strasse stehen Blechhütten und Bauruinen und die Schotterstrassen, die in die Quartiere führen, sind staubig und zugemüllt. Am Strassenrand verkaufen Händler aus dem Kofferrraum ihrer Autos Gemüse. Erst als wir diese Gegend hinter uns lassen, kommt die offizielle Ortstafel, die uns in Bariloche willkommen heisst. Die Blechhütten werden von einfachen Einfamilienhäuschen abgelöst und die Hauptstrasse führt uns vom Hügel runter an den See. Dort liegt das Vorzeigebariloche, wie wir es aus den Broschüren kennen. Schokolodeshops wechseln sich ab mit Skiausrüstungsgeschäften, Kleiderläden und Teehäusern. Am einen Ende der Einkaufsmeile wurde ein grosser Platz, der von riesigen Holzsteinhäusern umringt ist, errichtet. Dies soll an ein Schweizer Bergdorf erinnern, man kann gar ein Erinnerungsfoto mit einem Bernhardiner schiessen lassen.

Wir sind trotz Schweizer Imitationsversuchen mässig begeistert vom vielgelobten Bariloche. Irgendwie will dieser herausgeputzte Ortskern einfach nicht so recht mit den Aussenquartieren zusammenpassen und Bergdorfstimmung mag auch nicht aufkommen. Nachdem wir in einem Teehaus die Enttäuschung mit Glacé und Waffeln erfolgreich verdrängt haben, beschliessen wir die Stadt noch heute zu verlassen. Die Strasse schlängelt sich dem See nach aus der Stadt, hier präsentiert sich Bariloche von seiner idyllischen Seite. Schmucke Einfamilienhäuser und Hotels aus Holz stehen entlang der Küste. Die Landschaft wird karger, wir streifen für einen kurzen Moment die Pampa. Der Wind hat freie Bahn, leider bläst er mal wieder aus der falschen Richtung und wir kommen nur noch schleppend voran. Da wir nirgends ein Versteck finden, um unser Zelt aufzuschlagen, müssen wir bis zum nächsten See weiterfahren, wir treffen dort spätabends und ziemlich erschöpft ein.
Bei Windstille geht die Fahrt weiter, wir kommen vorbei an vielen kleinen Bergseen und die Gegend erinnert uns stark an den Schwarzwald. Wir treffen am Nachmittag in Villa La Angostura ein. Dieses ist zu unserer Überrauschung genau so, wie wir uns Bariloche vorgestellt haben. Ein kleiner Ort mit einer hübschen Flaniermeile, in der sich nett hergerichtete Restaurants, Souvenirshops, Confiserien und Teehäuser aneinanderreihen. In einem Strassencafé kommen auch wir zur Ruhe und der wohlverdienten Stärkung.
Anderntags begeben wir uns auf die „siete lagos“ Route. Wie es der Name schon sagt, kommen wir durch eine Seenlandschaft. Die Umgebung ist ein Paradies, nur leider enden hier mal wieder die Teerstrassen. Wie ich dieses Schild „Ripio“ doch hasse, hier verspricht es Wellblechpisten für die nächsten hundert Kilometer. Heute läuft es überhaupt nicht. Es ist heiss, staubig und holprig und ich habe einfach keine Lust mich hier auszukotzen. Bis zum Abend bringen wir es auf lausige 50 Kilometer und enden am schönsten der sieben Seen. Wir schlagen unser Zelt auf. Für wie lange wissen wir nicht. Wir sind frei. The sunny side of life – muchas gracias Argentina.

Info:
Bilder: Carretera Austral; Patagonien

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