Kolumbien: Kaffee, Kokain und Kriminalität ?

Nach unserem Galapagostrip geben wir uns in Quito zwei Tage Zeit, um unsere Körper wieder an die Höhe zu gewöhnen. Mit Yanira, einer gleichaltrigen Ecuadorianerin, die wir auf Galapagos kennen gelernt haben, verbringen wir den letzten Abend in der Stadt. Sie entführt uns in ein Restaurant, deren Terrasse über den Dächern der Altstadt liegt. Eine Band spielt traditionelle ecuadorianische Musik und es wird unter freiem Himmel getanzt. Wir lassen den Blick noch einmal über die Millionenstadt schweifen, ehe es eindunkelt und sich das Lichtermeer unter uns ausbreitet.
Frühmorgens brechen wir zu unserem letzten Südamerikaabenteuer auf.
Vom Hotel führt eine enge, steile Strasse über den Hügel aus der Altstadt, wir quälen uns keuchend und nach Luft ringend hoch. Oben angelangt, müssen wir erst mal eine Pause einlegen. Auf dem neu gebauten Radweg können wir dann auf angenehme Weise dem dichten Verkehr der Innenstadt entfliehen und gelangen mühelos auf die Panamericana.


Die Strasse wirkt neu und der breite Seitenstreifen ideal für uns Radler, entgegen den Beschreibungen des Schweizer Konsuls in Quito erweisen sich die Autofahrer als rücksichtsvoll.
In Coyambe, unserem ersten Tagesziel, quartieren wir uns in einem sehr preiswerten, aber schönen Hotel ein. Hier lässt es sich für umgerechnet 15 Franken übernachten, warme Dusche inklusive. In der Stadt ist am frühen Abend viel los, die Geschäfte versuchen sich gegenseitig mit lauter Musik zu übertrumpfen und auf der Strasse gibt es unzählige Essensstände, die regen Zulauf haben. Wir bevorzugen ein einfaches Restaurant, dort werden uns für umgerechnet fünf Franken zwei Tagesmenüs mit Suppe, Reis, Salat, Poulet und Getränk serviert. Der Mindestlohn in Ecuador beläuft sich auf 250 Dollar, wird aber oft unterschritten. Herr Vasella, Sie lesen hier auch mit? Dann muss ich an dieser Stelle wohl noch anfügen, dass dies der M… onatslohn ist. Abends um acht Uhr werden die Geschäfte mit schweren Rollläden verriegelt und die Strassen leeren sich. Ein deutliches Zeichen für uns Gringos schleunigst das Hotelzimmer aufzusuchen.
Wir sind am Morgen früh auf den Beinen, aber auf den Strassen herrscht bereits reger Betrieb. Auf unserer Fahrt kommen wir vorbei an vielen kleinen Bergdörfchen, die ausschliesslich von der indigenen Bevölkerung bewohnt werden. Sie bauen Getreide, Mais und Kartoffeln an und leben vom Kunsthandwerk. Viele Frauen stehen am Strassenrand, einige mit ihren kleinen Kindern am Arm. Sie haben ihre langen, schwarzen Haare zu einem Zopf geflochten und sind traditionell gekleidet mit blauschwarzen Röcken und weissen Blusen. Die schwere Last, die sie auf dem Rücken in einem Tragetuch mitführen, lässt sie eine leicht nach vorne gebückte Haltung einnehmen. Sie alle warten auf einen Bus, der sie in die Stadt Otavalo bringt, wo samstags ein grosser Markt statt findet und sie ihre Ware verkaufen können. Im Zweiminutentakt passieren Busse, doch die meisten sind derart überfüllt, dass die Chauffeure nicht auf die Handzeichen der Frauen reagieren und ungebremst vorbeirauschen. Wir werden von allen beobachtet, aber kaum sind wir auf ihrer Höhe, wenden sie sich von uns ab. Wie gerne würde ich von diesen wunderschön gekleideten Frauen Fotos machen, aber sie geben einem unmissverständlich zu verstehen, dass sie nicht fotografiert werden wollen.
 Den farbenfrohen Markt von Otavalo lassen auch wir uns nicht entgehen. Er zieht sich durch weite Teile der Innenstadt und es herrscht dichtes Gedränge. Uns begeistert vor allem das Kunsthandwerk der indigenen Bevölkerung. Die Otavalo-Indigenen sind über die Landesgrenzen hinweg bekannt für ihre Webprodukte. Wir können uns kaum satt sehen an den Ponchos, bunten Decken und Halstüchern. Mangels Stauraum in den Fahrradtaschen kaufe ich einzig eine Wolldecke, die verpackt etwa die Grösse einer oder vielleicht auch zweier Schlafmatten hat und nur etwa so viel wie deren vier wiegt. Unversehrt treffen wir bei Dämmerung in Ibarra ein. Nach dem Eindunkeln haben Frauen und Gringos auf Ecuadors Strassen nichts mehr verloren, das wurde uns eingebläut und daran halten wir uns.

Als wir am Morgen in den Sattel steigen, möchten wir am liebsten gleich wieder runter. Unsere Hintern schmerzen wie noch nie auf dieser Reise. Zum Glück ist die heutige Etappe, die uns auf den höchsten Punkt unserer gesamten Reise führt, so anstrengend, dass diese Schmerzen bald in Vergessenheit geraten und vom Ziehen in den Beinen abgelöst werden. Endlich erreichen wir den Top auf 3200 m.ü.M. und fahren nach San Gabriel. Nach zurückgelegten 90 Kilometern und 2200 Höhenmetern treffen wir im kolonialen Bergstädtchen mit seinen farbigen Häusern ein. Eine nette Unterkunft wäre ein angemessener Abschluss dieses Tages. Wir landen in einer fünf Dollar Unterkunft. Die Duschbrause hängt über der Toilette und die Wolldecke beherbergt schon einige Bewohner, die vor uns da waren. Da wir aber derart müde sind, kommen wir auch in unserer letzten Nacht in Ecuador zu genügend Schlaf.
Nach dreissig Kilometern Fahrt erreichen wir anderntags die Grenze zu Kolumbien. Die Passformalitäten wickeln wir nacheinander ab, wollen wir hier doch unsere Räder nicht unbeaufsichtigt lassen. Es hat denn auch einige seltsame Gestalten vor dem Zollgebäude, aber die Grenzpolizei patrouilliert und ist sofort zur Stelle, als ich einen Mann wegweise, der unseren Rädern zu nahe kommt. Vor dem Zollgebäude treffen wir ein Rucksacktouristenpärchen aus Baden, das in entgegen gesetzter Richtung unterwegs sind. Zwischen den Ländern tauschen wir uns aus und sie überlassen uns ihren Kolumbienreiseführer – herzlichen Dank nochmals, er ist im Dauereinsatz.


Nicht weit von der Grenze entfernt folgt die erste kolumbianische Stadt, Ipiales. Sie ist eher schmutzig und im Zentrum geht es hektisch zu und her. Ich werde in der Innenstadt von einem jungen Mann angesprochen, ob ich Kokain brauche. Dies und die Nacht zuvor veranlassen uns dazu, in einem teureren Hotel abzusteigen. Den Nachmittag verbringen wir auf einer Poststelle, wo wir ein Paket mit all jenen Sachen aufgeben wollen, die wir auf unserer Reise nicht mehr brauchen, zum Beispiel eine Wolldecke. Was bei uns höchstens zehn Minuten dauern würde, ist hier Nachmittag füllendes Programm.
Die folgenden Tage sind von langen Anstiegen geprägt und die Strasse führt uns mitten durch wildes, dschungelähnliches Gebiet, bestens geeignet als Versteck für Paramilitärs und Guerillas.Die Lage ist hier nach wie vor instabil und die Militärpräsenz auf der Strasse sehr hoch, zurzeit gibt es aber keine Guerillaaktivitäten – hoffen wir auf jeden Fall.
Die nächsten Stunden durch die Wildnis werden nicht minder anstrengend. Auch die Lastwagen kämpfen sich über diese Bergstrasse und ich frage mich, wie viele Drogen in den letzten Stunden an uns vorbeigerollt sind.
Wir sind erleichtert, als wir endlich in Pasto eintreffen. Am Stadteingang erwischen wir die falsche Abzweigung und geraten mitten ins Elendsviertel. Ein Mann liegt zugedröhnt am Strassenrand, Autos donnern keinen Meter an seinem Kopf vorbei. Es ist schmutzig und die Menschen tragen zerrissene Kleider, einige johlen uns irgendetwas zu und auf der Strasse herrscht ein Durcheinander an Mopeds, Autos und Radfahrern. Die Polizeipatrouille schaut uns verdutzt an, als sie uns hier erblickt. Beim nächsten Kreisel nehmen wir die vierte Ausfahrt. Auf der Hauptstrasse fahren wir ins viel ruhigere Stadtzentrum und suchen uns dort eine Unterkunft.  
Am anderen Morgen erwartet uns nach dem kurzen Aufstieg eine 45 Kilometer lange Abfahrt durch eine beeindruckende Canyonlandschaft und wir gelangen zum Río Patía auf 500 m.ü.M.. Heute hole ich mir nacheinander zwei Plattfüsse, der Beginn einer Pannenserie und weiteren Pechs. Wir erreichen am Abend ein kleines, langgezogenes Dörfchen, dessen Häuser alle an die Strasse gebaut sind. Es gibt einige Hotels, viele Restaurants und noch mehr Reifenwerkstätte. Man lebt hier hauptsächlich von den Truckerfahrern, die hier täglich zu Hunderten vorbeikommen. Die Häuser sind sehr einfach, viele mit Wellblechdach. Zu unserem Erstaunen gibt es aber ein Hotel, das in echt gutem Zustand ist und über Zimmer mit Ventilator und Warmwasser verfügt. Nachdem wir uns um die Reifen unserer Räder gekümmert haben, wollen wir zurück ins Zimmer. Ich versuche das Schloss aufzuschliessen, doch der Schlüssel dreht durch. Weder Besitzer noch herbeigerufener Mechaniker können sich Zutritt zum Zimmer verschaffen und wir werden auf den nächsten Morgen vertröstet. Ohne Geld und Zahnbürste und mit knurrendem Magen sitzen wir nun da. Zum Glück gibt es im Hotel ein Restaurant und sie lassen uns nicht verhungern. Die Nacht verbringen wir im Zimmer nebenan. Für einmal ist Sven nicht ein-, sondern ausgeschlossen.
Am anderen Morgen lässt der Fachmann auf sich warten und wir kommen in den Genuss eines einmal mehr ausgezeichneten Frühstücks. Es ist morgens um sieben Uhr und mich lächelt unter den Fettaugen in der Suppe ein Hühnerfüsschen an. Ob der Tag noch besser wird? Der Herr vom Schlüsseldienst – von Beruf wohl eher Reifenflicker – braucht mehr als eine Stunde um das Schloss mit seinem Bohrer zu knacken. Als Dank für die angenehme Nacht dürfen wir auch noch das neue Schloss bezahlen. Wir brechen spät auf in Richtung El Remolino. Das Gebiet ist sehr gering besiedelt, die Menschen leben in einfachsten Lehm- oder Ziegelsteinhütten direkt an der Strasse. Gekocht wird auf dem Feuer in einem Unterstand neben dem Haus. Oft sitzt die ganze Familie vor dem Haus und schaut dem Treiben auf der Strasse zu. Jobs scheint es hier keine zu geben, die Menschen leben vom Verkauf von  Wassermelonen und anderen exotischen Früchten und ihrem kleinen Garten. Das tropische Klima mit grosser Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit macht uns arg zu schaffen. Wir gelangen in ein Dorf, das zu hundert Prozent aus Afroamerikanern besteht. Aus vielen Häuschen ertönen laute Rumbo-, Salsa- und Merenguerhythmen. Plötzlich taucht auf der Strasse aus dem Nichts ein nur mit Lendenschurz bekleideter Mann mit einer Machete in der Hand auf. Wir weichen erschrocken aus.
Den Abend und die Nacht verbringen wir in El Bordon, einem ebenfalls ganz kleinen, armen Bergkaff. An diesem Abend wird in der Dorfkirche die Wahl des neuen Papstes zelebriert. Das ganze Dorf hat sich in Sonntagsschale geworfen und nimmt am Gottesdienst teil und die Kirche platzt aus allen Nähten. Wir beenden auch den heutigen Tag mit einem frisch gepressten Fruchtsaft, eine willkommene Abwechslung zu Bohnen, Reis und Poulet.
Das tropische Klima und der Urwald bleiben uns auch am Tag darauf erhalten. Die LKW-Fahrer haben heute aber speziell gute Laune, sie machen hupend auf sich aufmerksam und winken uns erfreut zu – es ist fast wie in den USA. Auch auf dieser Teilstrecke sind viele Häuser von Afroamerikanern bewohnt. Die Behausungen sind immer sehr primitiv. Vereinzelt gibt es kleine Weiden, auf denen weisse, völlig abgemagerte Kühe gelangweilt herumstehen. Es ist eine uns unbekannte Rasse, abgemagert, mit langen Ohren, einem Höcker auf dem vorderen Rücken und Haut, die am Hals runterhängt. Ab und an ist auf dem schmalen Streifen zwischen Strasse und Zaun ein Pferd mit einem Strick an einen Baum gebunden. Neben Lastwagen und Autos überholen uns vor allem Chivas, typisch kolumbianische Sammelbusse, die neben Menschen zum Beispiel auch Kartoffelsäcke, Frühlingszwiebeln und Milch transportieren und bis aufs Äusserste beladen werden. Die dunklen Regenwolken, die uns seit Stunden begleiten, lassen es krachen und wir nutzen die Gelegenheit für eine Siesta im Restaurant.
In Rosas werden wir schliesslich vor die Wahl gestellt zwischen zwei Hotels die seinesgleichen suchen. Wir enden in einer Höhle ohne Fenster mit von oben bis unten verschimmelten Wänden, aus deren Ritzen kleine Krabbeltiere kriechen. Die Matratze aus Stroh und die stickige Luft rauben uns den Schlaf. Diese Nacht will einfach nicht enden.
Mit dem ersten Tageslicht machen wir uns auf den Weg. Die Landschaft ändert sich, die tropischen Wälder weichen kleineren Büschen und Wiesen.
Wir treffen vor Mittag in Popayan, der weissen Stadt, ein. Alle Gebäude in der Innenstadt sind weiss gestrichen und unzählige Maler sind damit beschäftigt, dass dies auch so bleibt. Es ist, als würde uns die ganze Stadt zurufen, dass hier das andere, saubere und geordnete Kolumbien beginnt. Dabei ist es gerade mal 16 Monate her, seit unweit von Popayan der Chef der FARC, Guillermo León Sáenz Vargas von der Polizei aufgespürt und getötet wurde.
Wir quartieren uns gleich für zwei Tage in einem schönen Hotel in der Innenstadt ein und erholen uns von den Strapazen der letzten Tage. Das italienische Restaurant in der Calle 4 wird zu unserem Stammlokal, Pizza und Spaghetti, welch Abwechslung zu Reis und ihr wisst schon. Und wir kommen in diesen Tagen in Genuss von Schokoladefruchtspiesschen und frisch gepressten Fruchtsäften, die unsere Geschmacksrezeptoren in Rauschzustand versetzen.
Nach eineinhalb Tagen Wellness für Körper und Geist fühlen wir uns bereit für die nächsten Abenteuer.
Die Panamericana in Richtung Norden gehört bereits zur Kaffeezone und tatsächlich lassen die ersten Kaffeeplantagen nicht lange auf sich warten. Am Boden direkt neben der Strasse werden die Kaffeebohnen auf Juteplanen zum Trocknen ausgelegt. Sven, dem leidenschaftlichen und exzessiven Kaffeetrinker blutet das Herz, bekommt er doch seit Wochen Instantkaffee vorgesetzt. 

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Es herrscht nach wie vor tropisches Klima, aber der Himmel ist heute wolkenverhangen und es herrschen angenehme 28 Grad. Der grosse Aufstieg bleibt uns erspart, dafür folgt ein stetiges Auf und Ab. Die Häuser sind in deutlich besserem Zustand als weiter südlich, entlang der Strasse finden sich sogar einige Villen und Fincas. Die Regel sind aber nach wie vor sehr einfache, kleine Häuschen. Zu den Kaffeesträuchern gesellen sich Passionsfrucht- und Mandarinenbäume, Ananaspalmen ergänzen den Fruchtcocktail. Zum Abschmecken folgen lange Zuckerrohrfelder. Die Polizeipräsenz auf dieser Strecke ist enorm, jede Brücke wird bewacht und an unzähligen mobilen Posten werden Personen- und Gepäckkontrollen durchgeführt. Bei so viel Abwechslung sind wir doch glatt froh, beim Mittagessen auf Altbewährtes zurückgreifen zu können. Ob dank Poulet, Piña oder Pausentag, wir spulen die hundert Kilometer und 1500 Höhenmeter in weniger als sechs Stunden ab und treffen am Nachmittag in Villaricca ein. Im Städtchen tanzen das weisse Polizeigebäude und die zwei hellhäutigen Radler als einzige aus der Reihe. Ich weiss nicht, ob Marsmenschen für mehr Aufmerksamkeit unter der Stadtbevölkerung gesorgt hätten. Die zwei Hotels im Zentrum sehen aus, als hätte sich schon seit Jahren niemand mehr hineingewagt und auch wir können auf dieses Experiment verzichten. Auf der zweispurigen Panamericana fahren wir zum fünf Kilometer zurückliegenden Tankstellenmotel, das einen ganz anständigen Eindruck hinterlassen hat.
Nach einer erstaunlich ruhigen und angenehmen Nacht machen wir uns früh auf den Weg. Auf den hundert Kilometern nach Buga ist es topfeben, Zuckerrohrfelder soweit das Auge reicht und ab und zu mal eine Ansammlung von Häusern am Strassenrand. Die doppelspurige Strasse ist nicht sehr befahren, ab und an müssen wir den breiten Seitenstreifen aber mit Pferd und Wagen oder einem der unzähligen Mofafahrern teilen. Auf die langweilige Fahrt folgt ein gemütlicher Nachmittag im sehr ansprechenden Städtchen. Es ist Dienstag um 16 Uhr und die Messe in der Basilica ist etwa so gut besucht wie bei uns zu Hause der Weihnachtsgottesdienst. Ob es dem lateinamerikanischen Papst gelingt, den europäischen Kirchen in den nächsten Jahren etwas mehr Leben einzuhauchen? Wir bevorzugen einen frisch gepressten Lulosaft in unserer neuen Lieblingsfastdrinkkette, vielleicht etwas weniger besinnlich aber genau das Richtige für Körper und Geist. 
Am nächsten Tag lassen wir die Zuckerrohrfelder hinter uns und biegen auf die offizielle Kaffeestrasse ein. Die Kaffeesträucher verstecken sich noch gekonnter als Walter und wir sehen auf unserer neunzig Kilometer langen Fahrt einzig saftiggrüne Wiesen und einmal mehr bis auf die Knochen abgemagerte Kühe, die lustlos auf dem Grün herumkauen. Am Strassenrand, wo die Kühe nicht hingelangen, übernehmen Männer in leuchtroten Westen deren Arbeit. Sie sind mit ihren Handmähern einiges effizienter als die Vierbeiner nebenan und grüssen freundlich, wenn wir dahergeflitzt kommen. Auf dem letzten Drittel folgt die erste Steigung und mit ihr die schönen Fincas mit Pool. Doch für heute ist bereits Feierabend, die Tore sind verriegelt und die unzähligen Reisecars, die den ganzen Tag an uns vorbeigeschossen sind, längst auf dem Weg in die nächstgelegene Touristenhochburg Salento. Gegen einen klimatisierten Reisecar mit Ledersessel hätte ich in diesem Moment gar nichts einzuwenden, läuft mir der Schweiss doch gerade wieder einmal in Strömen links und rechts die Nase runter.
Die Hotelfincas entsprechen nicht ganz unserem Budget, aber das nigelnagelneue Tankstellenhotel mit Pool ist genau unser Ding. Wir kühlen unsere dehydrierten Körper im Pool und geniessen die tolle Aussicht auf die Tanksäulen.
Zum fünften Mal erwachen wir auf unserer Reise mit dem Geräusch von Regen. Mit Regenvollmontur machen wir uns auf in Richtung Salento. Nach vielen Bananenplantagen tauchen endlich jene Sträucher auf, die der Strasse den Namen geben. Dazwischen liegen riesige Finca-Anwesen mit stattlichen Häusern, Pool und Gartenanlage. In den Regenkleidern wird es uns bald zu heiss und wir bevorzugen nasse Kleider vom Regen anstatt Schweiss.
Als wir einen kleinen Anstieg meistern, ruft uns ein Mann, der uns von seinem Garten aus beobachtet hat, zu, ob er ein Foto von uns schiessen dürfe. Er kommt zu uns auf die Strasse und erzählt, er sei begeisterter Radfahrer. Nach einem kurzen Gespräch und dem Fotoshooting überreicht er uns zwei Bierdosen und wünscht uns gute Fahrt. Zur Mittagszeit erreichen wir ein kleines Städtchen. Dort entdecken wir ein schön hergerichtetes Restaurant mit wenigen Tischen. Die junge Besitzerin serviert uns feinste Gemüsemaissuppe, Spaghetti mit Pouletbrüstchen an Pestosauce, Reis mit Spiegelei, Salat und frisch gepressten Fruchtsaft. Für dieses Menü für zwei Personen verrechnet sie uns schlussendlich fünf Franken. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Was bleibt da noch übrig? Wie kann sie damit die Miete für das Lokal, ihren Lohn, den Lohn der Köchin und die Lebensmittel bezahlen?
Nach der Mittagspause bleiben nur noch wenige Kilometer bis zum Ziel. Durchnässt erreichen wir Salento. Auf der Suche nach einer Unterkunft mit heisser Dusche – diesen Luxus hatten wir seit Tagen nicht mehr – kommen uns ein anderes Radlerpärchen und ein Alleinradler entgegen. Da allen kalt ist, halten wir unsere Plauderrunde kurz und verabreden uns für den Abend. Unser Hostel bietet nicht nur superheisse Duschen, nein auch das Zimmer ist topmodern und stilsicher eingerichtet. Hier fühlen wir uns sofort wohl.
Am Abend treffen wir unsere Radlerbekanntschaften in ihrem Hostel und die Gruppe erweitert sich noch um zwei deutsche Motorradreisende. Der Gesprächsstoff geht uns an diesem Abend nicht so schnell aus.
Am nächsten Tag unternehmen Sven und ich eine fünfstündige Wanderung zu einer der Top-Sehenswürdigkeiten von Kolumbien, die Wachspalmen. Mit einem Jeep werden wir zur Ausgangsposition der Wanderung gebracht. Wie immer in Kolumbien, werden die Autos bis auf den letzten Platz gefüllt, das heisst in diesem Falle, dass noch drei Personen hinten auf das Trittbrett stehen müssen und sich dort festhalten. Nach einer holprigen, beengenden, zum Glück nur zwanzig Minuten dauernden Fahrt erreichen wir den Ausgangspunkt für die Wanderung. Der schlammige Weg führt über eine Wiese direkt in den Urwald. Auf Anraten des Hostelbesitzers haben wir Gummistiefel ausgeliehen, dies war eine klasse Entscheidung. Einem Bächlein entlang kraxeln wir den Berg hoch, ab und an müssen wir mittels Hängebrücke die Seite wechseln.  Auf der Anhöhe führt der Weg aus dem Wald und es bietet sich uns eine herrliche Aussicht auf die Hügellandschaft. Nun geht es auf offenem Gelände wieder runter, vorbei an riesigen Palmen. Die Wachspalme gilt als die höchste Palmenart der Welt. Für einen kurzen Moment drücken einige Sonnenstrahlen durch das Wolkenmeer und es herrscht eine mystische Stimmung.Zwei Kilometer vor unserem Ziel setzt heftiger Regen ein und als wir den Jeep erreichen, sind wir völlig durchnässt. Zum Glück hat unser Hostel eine HEISSE Dusche. Am Abend beschliessen wir, mal wieder selber zu kochen, nicht weil wir Geld sparen möchten, dann müssten wir nämlich auswärts gehen, sondern weil wir endlich mal wieder etwas anderes als Reis essen möchten. Mit vollem Spaghettibauch legen wir uns schlafen und am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne.

Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare, welche uns sehr erfreut haben.

Bilder unter: Ecuador und Kolumbien

 

7 thoughts on “Kolumbien: Kaffee, Kokain und Kriminalität ?

  1. roger und franziska
    28 April, 2013 at 21:11

    Hallo sarah und sven
    Mit grossem interesse haben wir eure berichte verfolgt, und festgestellt dass wir sogar darin erwähnt sind. Wir haben nach dem kurzen gespraech mit euch ueber galapagos doch noch entschieden nach dahin zu gehen. Danke fuer den Tip es hat sich wirklich gelohnt. Wir genissen noch unsere letzten tage in buenos aires vor unserer heimreise. Euch noch gute reise und auf bald mal in baden…
    Franziska und roger (zoll in kolumbien)

  2. 12 April, 2013 at 06:50

    Hallo Gourmet Radler.
    Es ist interessant bei eurem Blog mitzureisen. Erinnert Ihr Euch noch an den Schwaben Berthold? Er ist jetzt gerade von Panama nach Kolumbien gesegelt. Gute und sichere Weiterreise Andreas aus DK

  3. Desi
    2 April, 2013 at 21:46

    Hallo Ihr Radler! Es ist schön, endlich wieder von Euch zu hören! Mensch, Ihr könnt Euch nicht beklagen wegen der Hitze, wir müssen uns seit gefühlten 17 Jahren mit Kälte, Regen und Schnee, Grau und Äää herumschlagen! Freue mich schon jetzt auf Euren nächsten Bericht :)

    1. admin
      11 April, 2013 at 02:22

      Liebe Desi – Ich glaube, die Sonne macht gerade in Kolumbien Ferien. Sie reist in einer Woche ab. Ich habe ihr gesagt, in der Schweiz sei es auch ganz nett – abgesehen vom Wetter. Wir haben seit mehr als zwei Wochen um die 40 Grad. Mittlerweile sind wir von Radfahren auf Kitesurfen umgestiegen. Im Wasser ist es erträglicher. Lg und wir drücken die Daumen S&S

  4. Fernando
    2 April, 2013 at 19:46

    Increible vuestros aventuras. Mucha suerte por il resto del viaje. Aqui falta el calor columbana.

    1. admin
      11 April, 2013 at 02:38

      Muchas gracias! Llegamos a Cartagena – el destino de nuestro viaje en América del Sur.

  5. admin
    2 April, 2013 at 04:10

    nicht zu verachten die Soundempfehlung: http://www.youtube.com/watch?v=LeJtmolrZLQ :-)

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