Januarloch auf der Carretera Austral

Während andere heute wohl ihren Neujahrskater ausschlafen, stehe ich verschwitzt und entkräftet auf dem viel zu schmalen Bergwanderweg und zweifle daran, mit all meinem Gepäck und dem Rad jemals den Gipfel zu erreichen.

Nachdem meine Wädli noch Tage nach der Weihnachtswanderung rebelliert haben, gingen wir die letzte Woche des Jahres ruhig an. Zusammen mit unseren Freunden fuhren wir von El Calafate nach El Chalten und liessen es uns bei Sonnenschein, fantastischer Landschaft und feinem Essen noch einmal richtig gut gehen. Den krönenden Abschluss bildete die Silvesternacht, wir nahmen mit Rindsfilet und selbstgemachten Gnocchi Abschied vom alten Jahr und blickten gemeinsam auf drei tolle Wochen zurück. Es war sehr cool mit euch, liebe Joelle, lieber Hagi!

Am Neujahrsmorgen werden wir dann seit Langem wieder einmal vom Wecker unsanft aus dem Schlaf gerissen. Heute starten wir mit dem zweiten Teil unserer Radreise und der Zeitplan ist straff, müssen wir doch die zwei-Uhr-Fähre unbedingt erreichen und diese liegt noch ein ganzes Stück entfernt von unserem Campingplatz. Nach dem Frühstück packen wir unsere Taschen auf unsere Räder. Mein Rad hat die Flugreise leider nicht unbeschadet überstanden und gestern mussten Hagi und Sven mit der Zange einen Teil des Stahlrahmens wieder in Position bringen. Nun scheint aber alles in bester Ordnung zu sein. Nachdem die Verabschiedung dann doch etwas länger gedauert hat, brechen wir um zehn Uhr auf in Richtung Radabenteuer Südamerika – der Einstieg macht dem Namen alle Ehre. Auf einer holprigen Schotterpiste fahren wir 25 Kilometer bis zu einem See.

 Der Weg führt uns an einem Bergbach entlang, vorbei an saftigen Wiesen und kleinen Wäldchen, umschlossen von Bergen mit weissen Häubchen. Zu unserer Linken liegt der Fitz Roy, ein markanter Berg, der im Sommer Tausende Touristen anlockt. Die Touristenbusse und Privatautos überholen uns in gemütlichem Tempo, denn die Strasse lässt keine rasante Fahrt zu. Wir lassen den Fitz Roy links liegen und folgen dem Weg bis zum See. Für uns ist es, als wären wir an einem warmen Sommertag irgendwo in den Schweizer Bergen unterwegs, es duftet nach grillierten Würsten und Einheimische halten ihre Fischerruten in den Bach.

Zum ersten Mal sind wir nun ganz auf uns alleine gestellt. Die junge Frau, die uns die Tickets für die Fähre verkauft, beginnt mit mir über ihre Tochter zu sprechen, leider kann ich nicht antworten und irgendwann versandet das Gespräch. Wir stärken uns mit den Resten des Abendessens, ehe die kleine Fähre anlegt. Sie transportiert ausschliesslich Wanderer und Radfahrer. Wider erwarten hat es ziemlich viele Touristen an Board, sie alle lassen sich auf die andere Seite des Sees schippern, um dort eine kleine Wanderung zu unternehmen, ehe sie am Abend mit der letzten Fähre wieder zurückkehren. Nach einer dreiviertelstündigen Fahrt erreichen wir einen kleinen Ort, der aus einem argentinischen Zollhäuschen und einigen weiteren Blechhütten besteht. Am Zoll lassen wir unsere Pässe abstempeln und lernen dabei zwei Weggefährten kennen. Esther ist Kanadierin mit Schweizer Wurzeln und mit dem Rucksack unterwegs und Frank ist Deutscher und ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs. Wir vier haben alle das gleiche Ziel, wir wollen über den Berg auf chilenisches Territorium gelangen und von dort am nächsten Tag eine Fähre in die nächste chilenische Ortschaft nehmen. Leider ist der Weg dorthin alles andere als ein Panoramarundweg, ein chilenischer Farmer hofft deshalb darauf, mit uns das grosse Geld zu machen. Er will unser Gepäck mit seinen Pferden über den Berg transportieren. Nach einer kurzen Diskussion lehnen wir ab und entscheiden uns für die harte Tour, zum Glück weiss man am Anfang nie genau, was einen wirklich erwartet.

Frank und Esther müssen sich noch umziehen und wir machen uns schon mal auf den Weg. Nach wenigen hundert Metern folgt auf einem schmalen Pfad durch den Wald ein steiler Anstieg. Mit aller Kraft stossen wir die schwer bepackten Räder Meter für Meter in Richtung Gipfel. Bald ist der Pfad nur noch eine Rinne und die Räder mit dem Gepäck auf der Seite und uns daneben haben keinen Platz. Wir stehen auf die Erdwände und stossen das Rad in der Rinne. Als dies auch nicht mehr möglich ist, müssen wir die Gepäckstücke auf der einen Seite des Rades abladen und dieses separat transportieren. So kommt es, dass wir den Weg doppelt machen müssen. An einigen Stellen wird der Weg wieder eben, dann laden wir wieder alles Gepäck

 auf und stossen es. An anderen Passagen ist es hingegen so schmal und steil, dass wir ein Rad ums andere zu zweit schieben müssen. Bald einmal zieht Esther mit ihrem grossen Rucksack an uns vorbei. Unsere Shirts sind bereits nach den ersten fünfhundert Metern durchgeschwitzt. Nach einer Stunde haben wir knapp zwei Kilometer des 6,5 Kilometer langen Weges bis zum Gipfel gemeistert und der Untergrund wird nicht besser. Pferdemist ist auf dem Weg verteilt und total schlammige Passagen folgen. Ab und zu liegen Holzstämme mitten auf dem Weg und wir müssen unsere Räder über das Hindernis tragen. Die grösste Herausforderung sind aber die Bäche, die plötzlich den Weg unterbrechen. Das Wasser ist meist genau so tief, dass die Schuhe komplett nass würden. An einigen Stellen haben andere Abenteurer vor uns versucht mit Pfählen und Stämmen eine Art Brücke zu bauen.  Steht man auf die dünnen Stämme, beginnen einige davon in alle Richtungen wegzurollen. So wird die Bachüberquerung zum Balance- und Kraftakt. Als wir uns dem Gipfel nähern, gibt es vereinzelt ganz kurze Strecken, die befahrbar sind, doch öfters folgen dann steile Anstiege, bei denen wir wieder das gesamte Gepäck abladen müssen. Der Anstieg macht extrem durstig und die Arme werden von Stunde zu Stunde schwerer. Nach 3,5 Stunden erreichen wir erschöpft den Gipfel und damit chilenischen Boden. Von hier aus führt ein breiterer Feldweg mit tiefen Löchern, Sand und riesigen Steinen runter auf die andere Seite. Das Zollhaus liegt am Fuss des Berges und da die Grenze jeweils nur bis acht Uhr abends geöffnet ist, müssen wir uns richtig beeilen. Leider erwartet uns vor dem Abstieg noch ein zweiter Gipfel und wir kommen immer noch nur langsam vorwärts, es schüttelt uns kräftig durch. Auf einer Hochebene treffen wir auf weidende Kühe und Bergidylle à la Suisse. Dann endlich geht es abwärts. Meist habe ich einen Fuss neben dem Pedal um den jederzeit drohenden Sturz zu verhindern, dies gelingt mir bis auf einmal immer. Mittlerweile ist es halb acht Uhr und der See und das Grenzhäuschen im Tal sind noch nicht in Reichweite. Da Sven etwas sicherer und schneller unterwegs ist, übergebe ich ihm die Pässe und er fährt voraus, um den Grenzbeamten davon abzuhalten, bereits die Tore zu schliessen. Einige Adrenalinschübe später erreiche ich um zwei nach acht die Grenze. Dort werde ich von Esther empfangen, die einen Augenblick vor Sven eingetroffen ist. Der Zollbeamte ist von der gemütlichen Sorte, ihn scheint es nicht zu stören, dass sich sein Feierabend hinauszögert und so können wir in Ruhe alle Formalitäten erledigen. Auf dem letzten Kilometer in Richtung Campingplatz kommt uns der Besitzer entgegen. Ich erkenne ihn wieder, es ist derselbe Herr, der uns auf argentinischer Seite den Pferdetransport angeboten hat. Er ist über unsere frühe Ankunft etwas weniger erfreut als wir und zeigt sich von seiner garstigen Seite. Wir hingegen sind einfach froh, am Ziel zu sein. Später lesen wir im Reiseführer, dass für den Weg mit bepackten Rädern sieben Stunden einzuplanen sind, wir haben es in fünf geschafft und sind etwas stolz. Zusammen mit Esther finden wir auf dem Campingplatz ein schönes Plätzchen mit herrlichem Blick auf den See und die Berge. Da der Besitzer an der Grenze Telefongespräche erledigt, werden wir von seinem Hunderudel empfangen. Esther glaubt, verstanden zu haben, dass es eine Dusche gibt. Nach einigem Suchen stossen wir auf eine unverschlossene Tür und folgen dem Duft nach Seife. Durchs Wohnzimmer geht es in die Dusche. Leider hat es nur eiskaltes Wasser aus dem Gletscherbach und so bleibt es bei der eher oberflächlichen Reinigung. Der Platzwart ist bei seiner Rückkehr weniger begeistert über unseren Fund, haben wir doch seine persönliche Dusche in seinem Haus erwischt. Zur Strafe lässt er uns dann prompt auch nicht im Haus essen. Wir sind sowieso zu müde um den Kochlöffel zu schwingen, deshalb begnügen wir uns mit Brot, Käse und Empanadas. Wir machen es uns vor unseren Zelten bequem und geniessen bei Kälte die herrliche Aussicht. Da die Fähre erst am nächsten Abend um fünf Uhr fährt, haben wir einen ganzen Tag Zeit uns von den Strapazen zu erholen und mit Esther auf eine gute Art die Zeit totzuschlagen.

Ausgeruht begeben wir uns am Abend aufs Schiff, das uns in die Nähe von Villa O’Higgins bringt. Mit dem Rad meistern wir die letzten acht Kilometer und treffen erst gegen zehn Uhr im Dorf ein. Esther ist mit dem Bus nach Villa O’Higgins gefahren und hat in der Zwischenzeit bereits einen schönen Campingplatz ausgesucht. Dort gibt es ein rustikales Holzhäuschen, in dem wir unsere Penne zubereiten und am Abend gemütlich zusammensitzen. Ansonsten wirkt das Dorf,  das von den wenigen Touristen lebt, die sich im Sommer hierher verirren, ziemlich ausgestorben. Es wurde mal damit begonnen, die Strassen zu pflastern, aber leider hat die Arbeit niemand zu Ende geführt und so ist es unmöglich, mit dem Auto durch die Ortschaft zu cruisen. Nun teilen sich Hühner, Hunde und Radfahrer die Strasse. Ganz selten sieht man einen Einheimischen um die Ecke huschen.

Die meisten Häuser sind eher Flickwerke und die wenigen, modernen und auf Touristen ausgelegte Unterkünfte wirken wie Perlen im Heustock.

Am nächsten Morgen trennen sich die Wege von Esther und uns. Vor dem Start decken wir uns in einem der drei Tante Emma Läden mit dem Nötigsten ein, damit wir die nächsten Tage in der Abgeschiedenheit überleben. Im Laden treffen wir dann nochmals auf Frank, der sich ebenfalls mit Dosenfutter eindeckt. Früchte und Gemüse gibt es in diesem Teil von Patagonien leider nicht in frischer Form. Deshalb stehen Knorr-Gemüsesuppen, Pasta mit Pelati und Polenta auf dem Speiseplan der nächsten Tage.

Hier beginnt die weltberühmte Carretera Austral, eine 1350 Kilometer lange Strasse, die durch das unwegsame Gelände Südchiles führt. Erst 1976 wurde unter Pinochets Führung der Bau dieser Strasse begonnen und der Unterhalt erweist sich als schwierig. Dies bekommen wir gleich auf den ersten Metern zu spüren, die Schotterpiste weist viele Schlaglöcher auf und zeitweise gleicht die Fahrbahn eher einem Geröllfeld. Wir werden auf der Fahrt kräftig durchgerüttelt und müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht hinfallen. Unter diesen Bedingungen ist schnelles Radeln fast nicht möglich, wir schaffen nur etwa zehn Kilometer pro Stunde. So haben wir viel Zeit die Landschaft zu geniessen. Das Gelände ist ähnlich wie in Alaska aber etwas abwechslungsreicher, auf längere Abschnitte im Wald folgen Seen und Flüsse und offenes Gelände mit Büschen, rundherum liegen die Berge mit einem Hauch Schnee.

Der routinierte Weltreiseradler Frank hängt uns bald ab, obwohl er fünfunddreissig Jahre mehr auf dem Buckel hat. Eigentlich wollten wir es bis zum Abend bis zum nächsten Fähranleger schaffen, aber abends um halb acht sind wir noch 33 Kilometer davon entfernt und zwischen uns und dem Ziel liegt ein heftiger Anstieg. Die chilenischen Strassenplaner bekämen von mir glatt die „Goldene Himbeere“ für die schlechteste Wegführung verliehen. Die Strassen schlängeln sich nicht wie überall sonst auf der Welt den Hügel hoch, sondern führen schnurgerade zum Gipfel und auf der anderen Seite wieder steil runter. So kommt es, dass wir das Rad öfter mal schieben müssen. Wir stranden schliesslich auf einer Anhöhe in der Einöde und suchen uns in einer Mulde zwischen Büschen einen windgeschützten Platz, wo wir unser Zelt aufschlagen. Auch die Bremsen (Rossbrämen) und Mücken haben den Weg in die Höhe gefunden und nerven uns tierisch. Da wir todmüde sind, gehen wir bereits um neun Uhr schlafen. Um Sechs klingelt der Wecker und wir packen unser Material zügig zusammen und stürzen uns auf die verbleibenden dreissig Kilometer, schliesslich wollen wir unbedingt die erste Fähre um elf Uhr erreichen.

  Mit frischen Beinen lassen sich dann auch die steilen Anstiege fast ohne Qualen meistern und wir sind eine Stunde zu früh am Ziel. Es bleibt genügend Zeit für die Katzenwäsche in der Toilette des Wartehäuschens. Wir wundern uns, dass Frank nirgends ist und erfahren später, dass er es tatsächlich noch auf die 19 Uhr Fähre am Vorabend geschafft hat – Chapeau! Auch von Esther werden wir wieder eingeholt, sie wurde von Villa O’Higgins direkt mit dem Bus hergebracht und es kommt zum freudigen Wiedersehen. Esther ist echt super, nicht nur, weil sie bei einem kanadischen Outdoorgeschäft arbeitet und unseren notdürftig geflickten Pumpsack für die Schlafmatten gegen ihren brandneuen eintauscht J. Auf der Fähre heisst es dann definitiv Abschied nehmen, Esther wird in der kommenden Woche in einem Park als Volontär arbeiten und wir kämpfen uns weiter nach Norden vor. Der Weg wird gleich nach dem Fähranleger extrem steil und wir können die frittierten Käseempanadas, die wir am Kiosk gekauft und gleich verschlungen haben, Meter für Meter abbauen. Aus der anderen Richtung kommend flitzt ein japanischer Radfahrer mit einem riesigen Rucksack an uns vorbei – ehe wir die Hand zum Gruss anheben können, ist er schon wieder weg.

Mal schauen, ob uns das Radeln hier irgendwann auch so leicht fällt. Im Moment kämpfen wir an vielen Fronten. Das Ozonloch macht auch vor dem Ende der Welt keinen Halt. Die patagonische Sonne brennt in diesen Stunden richtig heftig und unsere Sonnencrème hat alle Beine voll zu tun. Doch immer gibt es auch wieder schöne Momente.

Vor uns springt plötzlich ein Feldhase auf die Strasse und hoppelt in gemütlichem Tempo vor uns her. Da der Wind von vorne bläst, bemerkt er unsere Anwesenheit erst nach einigen hundert Meter und setzt erschreckt zum Spurt an. Neben Hasen gibt es hier vor allem abgemagerte Pferde, die meist in kleinen Gruppen am Strassenrand stehen und sich aus dem Staub machen, sobald wir ihnen zu nahe kommen. Mehr Mühe haben wir mit der Familie Kuh, die uns den Weg versperrt und nicht daran denkt, diesen zu räumen, als wir angeradelt kommen. Grimmig schauen uns die Mutterkühe an.

Gehen wir einen Meter vor, weichen sie einen Meter zurück, aber keine denkt daran, die Strasse zu verlassen und so zieht sich das Spiel hin. Da wir nicht den Mut haben, uns an ihnen vorbeizudrängen, hilft nur gutes Zureden. Und nach ein paar Minuten verstehen dann selbst die patagonischen Kühe einen Brocken Deutsch und trotten langsam zurück auf die Wiese.

Die Radlertage sind genauso hart wie das Leben hier. Heute kratzen wir zwar zum ersten Mal an der 90 Kilometer Marke, aber so kaputt war ich schon lange nicht mehr. Wir finden zum Glück ein schönes Fleckchen Wiese nahe eines Baches, wo wir unentdeckt campieren können. Obwohl es hier unendlich viel Platz hat, sind alle Grundstücke mit massiven Holzpfählen und Draht eingezäunt. Ab und zu steht am Strassenrand ein Blechhäuschen, aus dessen Kamin Rauch aufsteigt und einige Hühner, Hunde und glückliche Schafe tummeln sich auf den umliegenden Weiden herum. Öfter mal hängt von den Schafen auch nur noch das Fell zum Trocknen über dem Dach.

Auch in dieser Nacht bin ich so müde, dass selbst meine Blase es vorzieht, ruhig dazuliegen und keinen Ärger zu machen. Obwohl wir mehr als neun Stunden Schlaf hatten, bin ich vom Vortag gezeichnet. Zum ersten Mal seit Reisebeginn ist unsere Radlerlust so richtig auf Talfahrt und wir würden wohl beide den Flieger Pampa – Zürich nehmen, gäbe es ihn. Wir sprechen viel von Zuhause und malen uns aus, was wir da jetzt alles machen könnten. An solchen Tagen ist es gut, ein Ziel vor Augen zu haben. Unsere Körper sehnen sich nach einer heissen Dusche, diese wartet im nächsten Dörfchen, Cochrane, auf uns. Wir meistern auch diesen Tag irgendwie. Als wir uns dem Ort nähern, nimmt auch das Verkehrsaufkommen wieder zu. Neben den wenigen Touristen, die sich mit ihren Mietautos, Rädern und Motorrädern auf diesen Teil der Carretera Austral wagen, hat es vor allem Einheimische, die die Strasse benutzen. Während die Touristen abbremsen, wenn sie an uns vorbeifahren, donnern die Einheimischen mit ihren roten Mitsubishi – Pickups ungebremst mit 100 Sachen an uns vorbei. Die Autofahrer grüssen zwar immer freundlich, aber keinem würde es einfallen, den Fuss kurz vom Gaspedal zu nehmen. Und da der Untergrund so unbeständig ist, bevorzugen wir es anzuhalten, damit wir nicht ausrutschen und unter die Räder der roten Monster gelangen. Eigentlich wollten wir uns im Dorf eine Hospedaje (einfache Unterkunft mit wenigen Zimmern zu günstigen Preisen) gönnen, aber viel mehr als einen wunderschönen, neuen Dorfplatz mit Sitzbänken, Bäumen und Wegen hat diese Ortschaft nicht zu bieten. Wir bevorzugen schliesslich den Campingplatz und teilen die Wiese mit rund zehn anderen Radlern und Trampern. Immerhin sind die Duschen ganz schön heiss und die chilenische mujer in der Imbissbude nebenan zaubert uns sogar einen frischen Salat aus Tomaten und Grünfutter. Im Supermarkt herrschte diesbezüglich mal wieder gähnende Leere. Dort fanden wir neben leergeräumten Gemüse-, Brot- und Fleischablagen einzig Pasta und Dosenfutter. Das muss mal wieder für die nächsten Tage reichen.

Von einem deutschen Pärchen aus dem Nachbarzelt bekommen wir wertvolle Tipps zur weiteren Strecke im Norden. Einiges hätte ich an dieser Stelle zwar lieber nicht erfahren, aber immerhin weiss man dann, worauf man sich einlässt. Gute Infos sind hier viel wert, sie entscheiden darüber, wie viel Essen und Wasser du mitträgst und wie du die Etappen einteilst. Am nächsten Morgen erwartet uns nicht nur die versprochene Holperpiste mit den grossen Steinen und dem losen Untergrund, sondern auch leichter Regen. Immerhin bekommen wir an diesem Sonntagmorgen im einzigen Lebensmittelgeschäft, das offen hat, noch etwas frisches Brot. Wenn man den weggliähnlichen Staubfängern denn so sagen darf. Im Halbstundentakt ziehen wir die Regenjacke an und aus und irgendwann drückt die Sonne dann doch durch. Von Norden kommen uns an diesem Tag ganze Heerscharen von Radlern entgegen, die meisten aus Europa, einzig eine Vierergruppe junger Chilenen hat sich auch noch für die „Traumstrasse Carretera Austral“ entschieden, wie sie unser Radreiseführer anpreist. Ich glaube immer noch, dass im Titel vor dem ersten Wort drei Buchstaben vergessen gingen. Schnell wird auch klar, weshalb alle Radler, die wir im Ort getroffen haben, am Vortag nur 50 oder noch weniger Kilometer gefahren sind. Die Strassen sind echt mies und unsere Laune ebenfalls. Etwa eineinhalb Stunden vor Ankunft setzt ein heftiger Regen ein. Bei meiner neu imprägnierten Gore Tex Jacke können zumindest in den ersten dreissig Minuten die Wassertropfen abperlen, bei Ankunft in Puerto Bertrand bin ich dann aber bis aufs T-Shirt nass. Zum Glück finden wir an diesem Abend noch Unterschlupf in einer Hospedaje. Für zehn Franken pro Person kommen wir beim chilenischen Mameli unter und für weitere zwölf Franken pro Person serviert sie uns zum Abendessen auch gleich noch Salat, Pouletschenkel und Kartoffeln, was für eine Alternative zu Dosenfrass! Da nehmen wir selbst den eiskalten Dreierschlag mit den schmuddeligen Betten in Kauf. Unser Zimmergenosse Lui aus Deutschland ist dafür ganz nett, mit ihm und der rüstigen Rentnerin Danielle aus der Bretagne geniessen wir die warme Stube und erzählen von unseren Reisen. Die durchnässten Kleider haben wir und die anderen vier Gäste in der Zwischenzeit zum Ärger der Besitzerin zum Trocknen im gesamten Wohnraum ausgebreitet. Zum Glück verstehen wir so schlecht spanisch.

Beim Frühstück bestätigt der Blick aus dem Fenster unsere Befürchtungen, das Trommeln auf dem Wellblechdach ist heftigem Regen zuzuschreiben. Es macht sich Katerstimmung breit. In der zwar netten, aber doch etwas sehr schmutzigen Unterkunft ohne Internet wollen wir lieber nicht einen Tag verweilen, andererseits ist Radeln bei diesem Wetter und DIESER Regenjacke erst recht keine Option.

Nach langem Hin und Her entscheiden wir uns zusammen mit Lui in Richtung Süden zu fahren. Dort, einige Kilometer ausserhalb des Dorfes, haben wir am Vortag nett aussehende Cabañas erspäht und ein Schild versprach Internet. So landen wir in einer echt schönen und dafür auch ziemlich teuren Unterkunft, die dafür schweizerischen und deutschen Ansprüchen genügt. Als eingespieltes Team teilen wir uns erneut ein Zimmer. Wir bereuen unsere Entscheidung nicht, als wir auf unseren sauberen Betten im schönen Holzhäuschen liegen und dem Regen zuschauen, der gar nicht mehr aufhören will. Als am Nachmittag dann auch noch das Internet funktioniert, ist unsere Welt in bester Ordnung. Die fehlende Küche richten wir uns mit Hilfe von Gaskocher und Nachttisch gleich selber ein und so können wir bei Suppe und Pilzrisotto über die schönsten Radlerstrecken dieser Welt philosophieren. Wer heute auf der Carretera Austral Rad fährt, der hat echt ne Meise.

Info;
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5 thoughts on “Januarloch auf der Carretera Austral

  1. 13 Februar, 2013 at 20:34

    Hut ab…wir hoffen eure Beine und Waden halten weiter durch auf der harten Austral. Außerdem sind wir sicher, dass ihr auch aus Dosenfutter Leckerein zaubert.

    lg senden Dirk und Anita aus Nicaragua.

  2. Fernando
    21 Januar, 2013 at 16:43

    Escuchar a radio Patagonia y leer vuestros aventuras en el sur de Chile es muy divertido – sobre todo con mucho nieve delante de mi ventana y temperatures bastante bajas. Me gustan los textos y tambien los fotos.

    1. 25 Januar, 2013 at 01:11

      Lieber Fernando
      Ich glaube zu wissen, dass du auch Deutsch verstehst, deshalb lasse ich den Versuch auf Spanisch zu antworten gleich bleiben. Die Antwort müsste mir sowieso “google translate” zusammenstiefeln und das käme wohl Kauderwelsch gleich.
      Gilt dein Supportangebot noch? Wir sind hier echt aufgeschmissen und bräuchten ganz dringend einen Übersetzer. Die Arbeitszeiten wären sehr flexibel, es gäbe natürlich auch einen kleinen Lohn, in Form von “Cerveza” ausbezahlt, Arbeitsort wäre Argentinien, Ecuador und Kolumbien – momentan so um die 35 Grad Celsius – oder aber die warme Stube in der kalten Schweiz…
      Schön, dass du dir nach wie vor Zeit nimmst unseren Blog zu lesen und die Bilder anzuschauen… Rückt eure Reise ebenfalls in Griffnähe? Wie geht es mit dem Aufbautraining voran, läuft alles nach Plan? Ich bin gespannt, wo eure “Sand und Sonne” Reise hinführen wird. Halte uns auf dem Laufenden!

      Liebe Grüsse aus El Bolson – auch an Bealuisa

      Sarah

  3. 13 Januar, 2013 at 19:06

    Die haben nicht nur auf der austral eine meise sondern auch in der wüste im patagonischen wind und überhaupt. Wir haben gehört es soll ja sogar fahrräder geben die nicht mal einen motor haben. Ihr habt unseren vollen respekt für das was ihr leistet!!!

    Grüsse von den besitzern eines roten monsters

  4. Desi
    13 Januar, 2013 at 08:36

    Hallo zusammen! Danke für diesen Bericht :) wenn Ihr Euch da so ausmalt, was Ihr zu Hause in der Schweiz tun würdet, ist da auch Euer Besuch bei uns zu sehen? ;) wir freuen uns, Euch dann mit welchem Essen auch immer begrüssen zu dürfen! Und Ihr müsst dann auch keinen Finger rühren ;)

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