If you`re going to San Francisco

Unser Ride geht weiter der Küste von Oregon entlang. Die niedlichen Geschöpfe, die uns gestern in den Schlaf gesungen haben, lernen wir heute persönlich kennen. Von einem Felsvorsprung können wir sie beobachten. Einzelne nehmen ein Bad, einige schieben sich etwas mühsam den Felsen hoch und die meisten liegen da und heulen und brüllen in kleinen Gruppen um die Wette, die Seelöwen.

Die Landschaft verändert sich, die Wiesen machen grossen Sanddünen Platz und an jeder Ecke buhlen Quadvermieter um Kunden.

Am Abend erreichen wir einen kleinen See, dessen Temperatur wärmer ist als die Luft. Während Sven sich in den Sanddünen vergnügt, nehme ich ein ausgiebiges Bad. Es ist wunderschön warm. Wieder an Land, wird mir kalt. Ich ziehe meinen wärmsten Pullover und die Regenjacke an und wasche mir im See noch den Sand von den Füssen. Auf einem Bein stehend, gerate ich plötzlich ins Taumeln, im Zeitlupentempo falle ich nach hinten… platsch. Die Lacher des Publikums habe ich auf meiner Seite. Sven kehrt einen Tick zu spät zurück und verpasst die Show. Mit Bikinihose und zwei triefend nassen Jacken bekleidet, pedale ich zum Campingplatz und stelle mich zähneklappernd unter die heisse Dusche. Svens Kapuzenpulli hilft mir an diesem kühlen Abend über die Runden.

Vor dem Eindunkeln trifft zu unserer Überraschung unser treuer Weggefährte Michael J. Fox auf dem Campground ein. Er ist ausser sich vor Freude, uns zu sehen. Er meint, wir hätten ihn beim letzten Aufeinandertreffen inspiriert. Er hätte in den vergangenen Monaten „on the road“ nie Früchte oder Gemüse gegessen. Jetzt sei er bereits seit drei Tagen gesund unterwegs. Stolz zieht er eine Tomate und eine Zwiebel aus seiner Tasche und beisst herzhaft zu. Wir fragen uns noch länger, wie wohl eine Zwiebel am Stück schmeckt…

Vor dem Zubettgehen hänge ich die nassen Klamotten über eine Leine. Mitten in der Nacht weckt mich das gleichmässige Geräusch vom Zeltdach blopp, blopp, blopp. Auch die letzte Hoffnung, morgen in eine trockene Regenjacke zu schlüpfen, ist damit dahin.

Die Regenjacke trockne ich in der Früh mit dem Föhn, mein treuer Reisebegleiter läuft zur Höchstform auf, nach 25 Minuten saugt er den letzten Tropfen aus der Jacke. Die restlichen Klamotten bleiben nass und der graue Himmel lässt vermuten, dass sie auch heute nicht trocknen werden. Für mich genug Grund, den Hoteljoker einzulösen. Auf dem weiten Weg nach Bandon helfen uns zwölf Schokoladecupcakes über die Runden. Aus dem Hotel wird dann doch nur ein Motel. In einer Laundry erledigen wir unsere Wäsche und vertreiben uns die Zeit mit Ice Tea trinken und herumhängen, der angenehme Duft des Waschmittels stets in der Nase. Anschliessend lassen wir uns beim Asiaten das Essen in Tüten packen und geniessen dieses im Motelzimmer vor dem TV. Amerikanischer könnten wir nicht sein. Ob sie uns bei der Ausreise den U.S. Pass schenken?

Mit frischer, trockener Wäsche und bester Laune starten wir in den Tag. Heute fällt es mir zum ersten Mal auf, das neue Piktogramm auf den Tafeln am Strassenrand, das einen Surfer darstellt. Seit Tagen kreuzen uns Autos mit aufs Dach geschnallten Surfbrettern. Im Wasser haben wir indes nie einen Surfer entdeckt.

Bei der Abfahrt in ein Dorf liegen sie uns plötzlich zu Füssen. Gleich Dutzende kämpfen um die perfekte Welle. Der saubere Ritt gelingt indes den wenigsten, wir schauen trotzdem gerne zu und ich bin ganz froh, nicht in den kühlen Pazifik steigen zu müssen.

Am Abend verschlägt es uns seit Langem wieder einmal auf einen privaten Campingplatz. Zufälligerweise ist der Besitzer ein vor nunmehr vierzig Jahren ausgewanderter Deutscher. Nach dem Nachtessen setzen wir uns zu ihm in die Gaststube. Die Wände sind mit Kalenderbildern aus Deutschland tapeziert, an der Decke hängen blauweisse Fähnchen, ein Plakat weist auf die anstehenden Oktoberfestfeierlichkeiten im Lokal hin. Bernhard erzählt uns an diesem Abend seine ganze Lebensgeschichte. Wir spüren, wie sehr er noch heute an Deutschland hängt und sich für die aktuellen Geschehnisse interessiert, wohl mehr als manch einer, der dort lebt. Auf einer seiner Reisen in die alte Heimat hat er seine Schwester in Westberlin besucht und just in diesem Moment wurde die Mauer geöffnet und er konnte seine im Osten lebenden Eltern in die Arme schliessen. Er erzählt uns diese Geschichte, als wäre sie gestern passiert, jedes Detail ist ihm noch präsent und er kann seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich erlebe an diesem Abend eine der eindrücklichsten Geschichtsstunden meines Lebens.

Die Radroute führt uns heute von der Küste weg in die weltberühmten Redwoods. Kurz vorher treffen wir auf die aus Deutschland stammende Marta. Sie ist in der gleichen Richtung unterwegs, nimmt es jedoch mit ihrem Citybike etwas gemütlicher als wir. Trotzdem werden wir sie noch öfters antreffen.

Der Wald, der uns hinter der nächsten Kurve erwartet, ist so ganz anders als alle Wälder, die wir kennen. Es ist auf einen Schlag dunkel. Gigantische Bäume stehen da, als wären sie schon immer hier gewesen. Die Baumkronen und der Himmel lassen sich vom Boden aus nur erahnen. Die Baumstämme haben einen riesigen Durchmesser, mindestens zu fünft müsste man rundherum stehen, damit man sich die Hände reichen könnte. Einige Stämme sind innen hohl und auf einer Seite offen und laden dazu ein, sich hineinzustellen. Bei Einzelnen kann man sogar mit dem Auto hindurch fahren, natürlich gegen ein kleines Entgeld, Touristenattraktion ahoi. Dieser Wald diente bereits als Kulisse für verschiedenste Filme, unter anderem für Jurassic Park. Ich kann mir gerade gut vorstellen, wie Tyrannosaurus Rex hinter einem dieser Monsterstämme hervorgeschossen kommt. Einige Bäume dieses Waldes sollen tatsächlich zweitausend Jahre alt sein, da haben sie die Dinosaurier ja wirklich nur knapp verfehlt J.

Am Waldrand liegt unser heutiger Schlafplatz. Alessio, ein hochgewachsener, ungefähr vierzig jähriger Italiener im enganliegenden Neoprenoutfit und weisser Schwimmbrille trifft neben uns ein, als wir bereits unsere Spaghetti Bolognese verschlungen haben. Ungeschickt packt er sein Zelt hervor und breitet seine gesamten Habseligkeiten bei Dunkelheit auf dem Tisch aus. Wir bieten ihm eine unserer Lampen an und merken bald, wie verloren der gute Herr ist. Ohne Englischkenntnisse und Ausrüstung ist er von Rom aus zu Freunden im Norden von Oregon geflogen. Dort hat er sich ein Rad und Taschen gekauft und ist zu seinem dreiwöchigen Trip nach San Francisco aufgebrochen. Nicht gerade ein leichter Einstieg in ein solches Abenteuer, insbesondere nicht für einen sonnenverwöhnten Italiener, der noch nie in seinem Leben ausserhalb von Italien Ferien verbracht hat und bei der Mamma lebt. Anfänglich noch bemüht, mit uns englisch zu sprechen, verfällt er bald ins Italienische und in Wortschwallen klagt er über das ungeniessbare, amerikanische Essen und die Kälte. Wir versuchen ihn aufzuheitern, aber leider ist unser Italienisch nicht viel besser als sein Englisch und so kommunizieren wir mit Händen und Füssen. Auch Marta kann da nicht weiterhelfen und verzieht sich in ihr Zelt. Auch wir legen uns bald schlafen.

Am nächsten Morgen scheint sich die Nervosität und Unlust Alessios noch nicht gelegt zu haben. Auf Schritt und Tritt verfolgt er uns und wir bieten ihm schliesslich an mit uns zu fahren. Bereits nach wenigen Kilometern ist klar, dass er unserem Tempo nicht folgen kann und so beschliesst er, Pabst sei Dank, alleine weiter zu reisen. Als wir am Abend im Städtchen Eureka eintreffen, trauen wir unseren Augen nicht. Auf dem Gehsteig zu unserer Rechten steht Alessio mit einem Stadtplan in der Hand. Wie er das geschafft hat, ist und bleibt sein Rätsel. Er erzählt uns, er hätte sich auf der heutigen Etappe einen Muskel gerissen und müsse jetzt dringend mit dem Greyhound nach San Francisco gelangen. Wir lotsen ihn mit dem GPS zur Bibliothek, damit er im Internet herausfinden kann, wann die Busse fahren. Zufälligerweise spricht die Dame an der Kasse fliessend italienisch und nimmt sich ihm an. Alessio sprudelt los und bald führen die zwei einen intensiven Dialog. Erleichtert verabschieden wir uns und zum ersten Mal wird Alessios Mund von einem Lächeln umspielt.

Auch wir sind von der andauernden Kälte etwas entkräftet und gönnen uns mal wieder ein Motel. Die dreckigen Strassen und lieblosen Häuserzeilen halten unsere Erwartungen tief, umso überraschter sind wir, als sich uns eine attraktive Innenstadt mit vielen kleinen, liebevollen Restaurants präsentiert. Wir haben bei der Wahl unseres Lokals ein glückliches Händchen und werden mit einem Salatbuffet der Extraklasse verwöhnt. Unsere Radlerherzen machen Luftsprünge. Das ältere Schweizer Pärchen am anderen Ende des Saals erfährt von der Kellnerin, dass auch wir Schweizer sind. Sie laden uns nach dem Essen auf einen Drink an der Bar ein. Aus einem Drink werden viele und die Dame hinter dem Tresen kann nicht glauben, dass wir uns erst seit diesem Abend kennen. Als wir das Lokal gegen Mitternacht verlassen, sind längst alle Stühle auf den Tischen und die letzten Gäste vor längerer Zeit abgerauscht.

Wir hängen gleich noch einen zweiten Erholungstag an.

Kaum aus der Stadt, führt uns der Weg erneut in die Dunkelheit des Waldes. Auf der heutigen Etappe steigen uns in immer kürzer werdenden Abständen intensive, süsse Duftwolken in die Nase. Dieser vertraute Duft nach muffigen Socken erinnert mich an mein altes Zuhause, kaum öffnete ich die Türe zum Flur, strömte er mir in die Nase. Doch woher sollte dieser Duft hier, mitten im Wald, herkommen? Ich schliesse auf einen Defekt meines Riechorgans und schreibe den Duft einer speziellen Baumsorte zu. Der angesteuerte Statepark liegt inmitten dieses mystischen Waldes. Auf dem Hiker Biker Platz hat sich bereits ein anderer Radfahrer ausgebreitet.

Als wir eintreffen, kriecht er etwas ungeschickt aus seinem Zelt hervor. Er ist mindestens einen Kopf kleiner als ich, seine blonden, halblangen Haare gleichen einer Filzmatte und sein Gesicht wird von einem voluminösen Krausbart umschlossen. Das dreckige T-Shirt spannt sich um den straffen, kugelrunden Bauch und seine kurzen Hosen lassen nur noch an einigen, vom Dreck halbwegs verschonten Stellen die ursprüngliche Farbe rot erahnen. Sobald er sich uns nähert, können wir ihn riechen, ich versuche den Abstand von zwei, drei Metern stets einzuhalten, damit meine heute wohl etwas überempfindliche Nase nicht zu arg strapaziert wird. Unser Nachbar scheint ebenso in diesen Wald zu gehören wie die Bäume. Wir nennen ihn fortan „Zwerg“ und auch Marta, die wenig später eintrifft, verpasst ihm gleich beim ersten Satz diesen Spitznamen. Kaum haben wir unser Essen ausgepackt, tänzelt er um unseren Tisch und sein Blick fixiert sich auf unsere Eierschachtel. Als wir sie dann auch noch öffnen, kann er sich nicht mehr zurückhalten und fragt uns, ob er uns zwei Eier borgen könnte. Ohne Dank verzieht er sich mit ihnen zu seiner Feuerstelle und einen Augenblick später brutzeln zwei Spiegeleier in seinem Bratpfännchen.

Gestärkt von seinem Eiermahl kehrt er wieder an unseren Tisch zurück und erzählt uns, er versuche hier in den Feldern einen Job zu kriegen. Welche Felder? Wir können nicht ganz folgen. Er erklärt uns, die Gegend sei das grösste Anbaugebiet für Marihuana in den USA und die Erntezeit hätte vor wenigen Tagen begonnen. Die Besitzer stellen nun Pflücker ein, die sich mit ihrer Arbeit ein kleines Taschengeld verdienen können und wohl auch noch in Naturalien ausgezahlt werden.

Erleichtert über den Zustand meiner Nase erwäge ich, ob ich dem Zwerg gleich noch 50 Cents für die Dusche schenken soll. Da das Geld wohl eher für anderes investiert würde, lasse ich es bleiben und setze meine Nase weiterhin den Düften dieses Waldes aus.

Den Abend verbringen wir mit Marta, diese ist wirklich Dufte, sie erzählt uns von ihrer Radtour durch Südamerika. Mittlerweile haben sich viele weitere Radler auf dem Platz eingefunden und die Zelte stehen dichtgedrängt.

Am nächsten Morgen ist der Zwerg sehr gesprächig und deckt uns mit wichtigen Informationen ein. Zum einen zeigt er uns, in welcher Stadt die letzte Einkaufsmöglichkeit auf unserer heutigen Etappe liegt, zum anderen warnt er uns vor den Gestalten dieser Stadt. Er meint lachend, dies seien mindestens so grosse Schlitzohren wie er und wir dürften unsere Räder keine Sekunde unbewacht vor dem Supermarkt stehen lassen. Als wir zum Aufbruch blasen, bedankt er sich tatsächlich noch für die Eier vom Vortag. Was zwei Eier nicht alles bewirken können.

Wir lassen die Dunkelheit der Redwoods hinter uns und endlich können wir vom Strassenrand aus die Felder sehen, deren Duft uns seit gestern begleitet. Sie sind gut bewacht und Schilder warnen vor dem unerlaubten Betreten. Als wir über eine kleine Brücke in die besagte Stadt einbiegen, schlägt uns eine mächtige Rauchwolke und eine noch grössere Duftwolke entgegen. Im Bushäuschen, auf dem Gehsteig, im Café um die Ecke, überall sitzen sie und paffen. Hoch lebe die Hippiezeit. Wir, die Fremden mit klarem Blick, werden sofort erkannt. Kaum haben wir unsere Stahlrösser zum Stehen gebracht, pumpt uns ein Mitdreissiger mit Eiternase um Kleingeld an. Vor dem Supermarkt werden wir von den nächsten Hippiefrauen angequatscht, zur Freude von Sven merkt eine von ihnen nicht, dass ihre linke Brust das T-Shirt gänzlich verfehlt hat und entblösst daliegt. Sven kann ihren Worten denn auch nicht nahtlos folgen.

Wir kämpfen uns weiter durch die Wälder dieses Landes und der Zwerg sollte recht behalten, es bietet sich uns keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Wir lernen dann auch prompt drei Radler kennen, die den Eierhandel nicht eingegangen sind und jetzt eine grössere Zusatzschlaufe für die Essensbeschaffung ziehen müssen. Die bunt zusammen gewürfelte Dreiergruppe aus Deutschland, Dänemark und Schottland treffen wir in den nächsten zwei Tagen immer wieder an und wir verbringen zwei lustige Abende mit ihnen. Leider ist es so extrem kalt, dass sich die Runde jeweils nach Sonnenuntergang bald auflöst. Während uns am Vortag noch der Bergpreis zu wärmen vermochte, frieren wir heute fast den ganzen Tag. Langsam aber sicher haben wir genug von dieser Affenkälte, die uns seit Tagen begleitet. Die wohl wunderschöne Küste hüllt sich in einem weissen Schleier und während wir uns die Nase abfrieren, hören wir von neuen Hitzerekorden im Landesinnern. An diesem Morgen im Café beschliessen wir bei heisser Schokolade, die Küste hinter uns zu lassen und uns ins Inland zu verziehen. Wir nehmen die nächstmögliche Abzweigung. Mit jedem Tritt in die Pedale in Richtung Osten wird es wärmer. Eine gute Radlerstunde von der Küste entfernt, sind wir bereits nur noch mit T-Shirt und kurzer Hose bekleidet und der Schweiss rinnt uns von der Stirne. Als sich vor uns im Tal ein riesiges Weingebiet eröffnet, können wir unser Glück kaum fassen. In der dürren, braunen Landschaft liegen Weinberge in saftigem Grün und Rot, schwer behangen mit reifen Trauben.

Gut gekleidete Damen und Herren brausen uns in coolen Cabriolets entgegen und Luxusschlitten stehen auf den Parkplätzen vor den Weingütern, die zum Degustieren einladen. Am Nachmittag biegen wir auf ein wunderschönes Gut ein und lassen uns unter einer Laube im Rebberg die verschiedenen Resultate der hauseigenen Kellerei auftischen. Bald spüren wir, dass siebzig Kilometer Radeln in extremer Hitze hinter uns liegen und wir unsere letzte Mahlzeit morgens um acht Uhr genossen haben. Nach einer kleinen Flasche Weisswein schaffen wir es mit Müh und Not noch bis zum drei Kilometer entfernten Campingplatz. Wir essen die übrige Pasta vom Vorabend, die ursprünglich fürs Mittagessen eingeplant war. Dann reicht es gerade noch, um das Zelt aufzuschlagen und uns hinzulegen.

Die Hitze im Zelt holt uns am nächsten Morgen aus dem Schlaf, ein weiterer Tag im Tal der Reben erwartet uns. Der Duft von Marihuana wird durch den Duft von frisch gestampften Trauben abgelöst, auch dieser wird uns einige Tage begleiten.

In den Rebbergen ist gerade Hochsaison, die mexikanischen Gastarbeiter sind dabei, die Trauben zu ernten, es duftet überall nach frisch gestampften Trauben.

Wie grosse Inseln liegen die Rebberge im braunen, völlig ausgetrockneten Tal. Ab und zu gesellen sich Apfelplantagen und Olivenhaine dazu. In mobilen Strassenständen wird die frische Ware angeboten. Wir ziehen heute Morgen den frisch gepressten Apfelsaft dem Traubensaft vor. Im nächsten Dörfchen lassen wir uns das zweite Frühstück des heutigen Tages servieren, bevor wir uns unserem Schicksal hingeben, denn manche Dinge sind auch in Amerika nicht anders als zu Hause. Will man von einem Tal ins nächste gelangen, ist meistens ein Hügel dazwischen, so auch hier. Während wir uns gestern noch riesig über die Hitze gefreut haben, könnten wir sie heute verfluchen. Es ist trocken und heiss und die Strasse schlängelt sich bequem in langen Schlaufen den Berg hoch. Zwei nasse T-Shirts später treffen wir endlich in unserem Zielörtchen Geyserville ein. Wir stehen vor dem kleinen Laden und sind unschlüssig, ob wir unser Abendessen einkaufen, oder in das von aussen vielversprechend aussehende italienische Restaurant gehen sollen. Wir sind aber eher skeptisch, was die amerikanische Italienerpizza herzugeben vermag.

Zwei mittelalterliche Herren sprechen uns auf unsere Räder an und wir kommen ins Plaudern. Sie fragen uns, ob wir nicht auch hungrig seien und sie zum Italiener begleiten möchten. Da sie ganz sympathisch sind und uns versichern, dieser Italiener sei „echt“, lassen wir uns auf das Experiment ein. Wir landen an einem lauschigen Plätzchen im Innenhof. Nachdem wir wieder einmal unsere Geschichte zum Besten gegeben haben, wollen wir wissen, was die beiden hierher verschlagen hat. Wir erfahren, dass Walle und Lou für das Männerwochenende mit dem Flieger angereist sind und an einem national bekannten Radplauschrennen im Nachbardorf teilnehmen, deshalb auch die Faszination für unsere Bikes. By the way stellt sich heraus, dass es sich beim Flugzeug um ihren Privatflieger handelt und sie ganz genau wissen, wie eine Pizza in Italien schmeckt, denn sie haben schon fast jedes Land bereist. Die Pizza, die wir aufgetischt bekommen, ist denn auch besser als das meiste, was wir bisher aus der Pizzawelt kennen und das Abendessen wird für uns erst noch günstiger als jeder selbstgekochte Eintopf. Die Einladung zum Radrennen müssen wir dann aber ausschlagen, da morgen bereits eine frühere Reisebekanntschaft bei sich zu Hause auf uns wartet, dafür nehmen wir die Einladung für San Diego gerne an. Bei Dunkelheit fahren wir zum Campingplatz und hoffen, dass die betrunkenen Touristen bereits früher von ihrer Degustationstour nach Hause zurückgekehrt sind als wir. Unbeschadet treffen wir auf dem Campingplatz ein, der auf unserer Hitliste der hässlichsten und dreckigsten Plätze Nordamerikas ab sofort den ehrenvollen ersten Rang einnimmt.

Wir stehen früh auf und schaffen noch in den Morgenstunden die Fahrt nach Calistoga, wo unsere alte Reisebekanntschaft Bill lebt.

Bill Riders Töffnummernschild stach mir schon damals in Pelicrossing Yukon ins Auge, als wir uns erst wenige Minuten kannten und gemeinsam vor einer ziemlich heruntergekommenen Tankstelle frühstückten. Der grau melierte Richard Gere – Typ mit perfekt manikürten Fingernägeln und dem Nummernschild „esrider“ an seinem BMW war äusserst charmant und uns auf Anhieb sympathisch. Er hat wohl längst vergessen, dass er uns an jenem kühlen Morgen in the middle of nowhere in sein Haus im Staate Kalifornien eingeladen hat. Per Mail hatten wir unsere Reise ins Napa Valley vor wenigen Tagen bei ihm angekündigt und tatsächlich, seine Einladung galt noch immer. Sven malte sich bereits die Villa im Rebberg aus und sah sich am Abend beim Barbecue und einem guten Gläschen Wein  den Sonnenuntergang geniessen.

Da standen wir nun, in der Harleystreet, vor einem kleinen Häuschen, vor dessen Garagetor ein Auto stand, dessen Räder von riesigen Spinnennetzen umhüllt waren. Im Vorgarten herrschte gerade eine Dürreperiode, kein Gräschen hatte die Hitze der vergangenen Wochen überlebt. Nur Bill war der Alte. Da stand er, sauber herausgeputzt, wie wir ihn kannten und begrüsste uns herzlich. Sein Haus bewohnte er mit seinem 27 jährigen Sohn, der jüngere Sohn stiess im Verlaufe des Tages dazu. Ein richtiger Männerhaushalt erwartete uns, dieser war zwar nicht der allersauberste, dafür mit Bestimmtheit der herzlichste, den wir uns vorstellen konnten. Der gute Tropfen, den sich Sven erträumt hatte, wurde bald geöffnet… und damit begann unser Aufenthalt im Fünfsternehotel. Am ersten Morgen bereitete uns der jüngere Sohn ein supertolles Frühstück zu mit allem, was man sich erträumen mag, Scones, Ofenkartoffeln, Pancakes, Speck und Rührei. Und auch an den kommenden Tagen wurden wir von Bill am Morgen mit Fotzelschnitten und Pancakes, Joghurt und Brot verwöhnt. Nicht nur des Essens wegen gefiel es uns so gut, es war schön, wieder einmal an einem Ort zu Hause zu sein und die ganze Familie gab uns das Gefühl, hier zu Hause zu sein. So wurden aus unserem ursprünglich geplanten Ruhetag drei Ruhetage und eine Freundschaft, von der wir hoffen und glauben, dass sie uns eines Tages in der Schweiz besuchen wird und wir uns revanchieren können.

Am Abreisetag begleitet uns Bill mit seinem Rennrad auf dem ersten Stück unserer Route und versüsst uns den Morgen, indem er uns die Hotspots des Napa Valley zeigt. Wir besuchen die besten Weingüter, legen einen Stopp in einer französischen Bäckerei ein, deren Brot köstlich schmeckt und können in der amerikanischen Kochakademie über die Fingerfertigkeiten der in offener Küche arbeitenden Köche staunen. Es ist bereits weit nach Mittag, wir sind zum Glück noch keine 30 Kilometer geradelt, als Sven bemerkt, dass er sein Natel wohl in Bills Haus vergessen hat. Während Bill, hilfsbereit wie immer, zurück radelt, spulen wir unsere Kilometer in Richtung Napa ab. Kurz vor unserem Ziel hören wir, wie unser Natel von hinten angebraust kommt. Wir sagen ein letztes Mal bye bye und schauen zu, wie ESRIDER in der Abendsonne des Napavalley verschwindet. Wer weiss, wann wir uns zum nächsten Mal sehen, easy rider. Thank you so much for everything.

Folgt einem perfekten Tag auch ein perfekter Abend? Die gute Flasche Rotwein in unserer Tasche lässt es vermuten und der Camphost auf dem einzigen Campingplatz in Napa empfängt uns äusserst freundlich. Er erzählt uns von den tollen Wanderungen, die man auf dem Hügel unternehmen kann, an dessen Hang der Campground liegt. Zwei Sätze später warnt er uns vor den Klapperschlangen, die dort leben und sich ab und zu auf den Zeltplatz verirren. Ich hoffe mich verhört zu haben und frage nach, Klapperschlangen?  Ja genau, Klapperschlangen.

Alle, die mich kennen, sind eingeladen, ihren Wetttipp abzugeben.

Die Wette lautet: Wo hat Sarah ihre Nacht verbracht? Tipp A im Zelt auf dem Campground. Tipp B im Motel in der Stadt.

Top, die Wette gilt…

Auf dem Delikatessenmarkt in Napa stärken wir uns am Morgen für die Fahrt nach San Francisco. Später cruisen wir durch die Agglomerationen und plötzlich finden wir uns in einer Gegend wieder, wo die Hosen der Männer etwas tiefer sitzen als anderswo und der Gang etwas breitbeiniger ist. Wir fallen weniger wegen unseren schwer bepackten Rädern, denn wegen unserer etwas zu hell geratenen Hautfarbe auf. Hier ein verwunderter Blick, da ein kurzes Räuspern. Als wir an zwei Jungs vorbeiradeln, die uns auf dem Gehsteig entgegenkommen, ruft der eine „Yeah“ in unsere Richtung und streckt die Hand zum „Clap“ aus. Wir klatschen beim Vorbeifahren unsere Hände gegeneinander und er wünscht uns eine gute und sichere Reise. Mit einem guten Gefühl radeln wir weiter und erreichen sicher die Fähre, die uns nach San Francisco bringt.

Nur mit Mühe konnten wir uns im Vorfeld ein Zimmer in San Francisco ergattern. Da die Hotelpreise weit über unserem Budget lagen, fanden wir nur noch in einem etwas gammligen Hostel Unterschlupf. Die Bettflöhe sind nicht weit. Bald wird uns klar, weshalb die Hotelzimmer für das anstehende Wochenende ausgebucht sind. Noch ist es ruhig hier, aber an jeder Ecke wird gebohrt und geschraubt, Absperrgitter werden aufgerichtet, Leinwände und Tribünen gebaut.

Wir fahren mit unseren Rädern über die Golden Gate Bridge, erleben, wie ein Fischer unfreiwilligerweise eine Stachelroche an seine Angel kriegt und diese wieder befreien muss, lassen uns in Chinatown vom chinesischen Kitsch und dem guten Essen verführen und unsere Radlerbeine erfahren, wie steil die Strassen in San Francisco wirklich sind.

Pünktlich zu den Feierlichkeiten treffen Freunde aus der Schweiz ein und mit ihnen hundert tausende weitere Touristen. Am Wochenende stehen hier Flugshows, America’s Cup Ausscheidungen und die Heimspiele der hier ansässigen Baseball- und Footballmannschaften auf dem Programm. Die Stadt ist total überfüllt, zeitweise gibt es an der Uferpromenade kein Durchkommen mehr. Wir ergattern uns auf einer Wiese nahe der Golden Gate Bridge ein Plätzchen und schauen zu, wie die Düsenjets in Formationen über unsere Köpfe donnern. Einzelne Jets schiessen im Tiefflug über das Wasser, drehen Schrauben, die selbst beim blossen Zuschauen zu Übelkeit und Schwindel führen. Ein Passagierflugzeug der American Airlines fliegt im Tiefflug über die Golden Gate Bridge, die Zuschauer sind begeistert, 9/11 scheint in diesen Sekunden vergessen. Kaum ist die Show zu Ende, machen sich die besten Segler der Welt bereit für die Ausscheidungsdurchgänge. Jedes Boot ist auf der Suche nach der schnellsten Linie und mit spektakulären Manövern versuchen die einzelnen Teams sich an ihren Gegnern vorbeizudrängen. Wir verfolgen einen Durchgang an der Grossleinwand am Beach und sind beeindruckt, wie fair die amerikanischen Fans sind. Die beiden amerikanischen Boote liegen zurück und schliesslich passiert das englische Boot als erstes die Ziellinie. Den klaren Sieg der Engländer nehmen die Amerikaner sportlich, bei der Zieldurchfahrt erheben sie sich und klatschen.

Am Sonntag erleben wir im ausverkauften Stadion den Footballmatch der 49-ers. Eingedeckt mit Hot Dogs und Knoblauchpommes fiebern wir mit der heimischen Mannschaft mit. Cheerleaders und Trommler sorgen für Stimmung, in den unteren Reihen wird getanzt und die Spieler werden kräftig angefeuert. Schwarze, Weisse, Junge, Familien, Grossväter, alle sind gekommen um sich diesen Match anzusehen und es ist wie ein grosses Volksfest. In der Halbzeitpause legen die neuen Navysoldaten ihren Eid ab. Während des gesamten Matches geht es sehr friedlich zu und her, auf dem Spielfeld landen einzig die Pommespapierchen, die der Wind davongetragen hat. Die Heimmannschaft gewinnt schliesslich mit 45 zu 3 und die vielen heimischen Fans sind zufrieden.

Neben dem befreundeten Schweizer Pärchen, das wir hier in San Francisco erwartet haben, sind zufälligerweise auch noch andere Kollegen aus der Schweiz in der Stadt. An einem Abend tanzen wir uns gemeinsam in einem Club in die Nacht, am nächsten geniessen wir ein üppiges Abendessen beim Chinesen, das uns noch länger in Erinnerung bleiben wird.

Wir geniessen es sehr, nach langen Monaten der Zweisamkeit wieder einmal mit Freunden unterwegs zu sein. Ein Besuch in Alcatraz und die obligate Cabletrainfahrt schliessen die Woche in San Francisco ab und schon heisst es wieder Abschied nehmen – von der Stadt und unseren Freunden.

Übrigens, dein Wetteinsatz hätte sich nicht ausgezahlt, ich habe es tatsächlich getan und überlebt. Was dich nicht umbringt, macht dich stark. Vielleicht könnte ich heute nicht darüber scherzen, hätte ich denn wirklich eine gesehen. Aber was nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden, dazu mehr im nächsten Teil.

Leider funktioniert der Bilder Upload gerade nicht,dafür gibt’s ein tolles Video zur Überbrückung :

http://www.youtube.com/watch?v=bch1_Ep5M1s  :-)

2 thoughts on “If you`re going to San Francisco

  1. 6 November, 2012 at 15:13

    iii 101 rules !!!

    Sehr geili foeteli mues i also saege.

    Mer send metlerwile in BsAs und obwohls ae super stadt esch foer suedamerika moechti nor no weg do. Ich hasse stdaedt ond dae huere laerm.

    Mer hoffed mer gsaend eu au no in ushuaia aber da mer am 13januar in salta muend si (vo ushuaia bes salta esch sowit wie vo bade uf bagdad) choemer das noni saege.

    Hasta la pasta y cuidanse

    Pazzzzzzz

  2. Örs
    6 November, 2012 at 12:30

    I lost the bet! Sarah and rattlesnakes – things that just don’t go together. By the way: How do you manage to write all this? Have you got an iPad fixed. on your bike? Make sure to post some pictures with “flowers in your hair”.

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