bye bye north america

Ein letzter Blick auf die Golden Gate Bridge wird uns gewährt, ehe wir links abbiegen und in der Agglomeration von San Francisco verschwinden. Durch das bis zu unserem Erscheinen ruhige Einfamilienhäuschenquartier geht es steil bergab dem Meer entgegen. Jedoch wird unsere rasante Fahrt durch die bei jeder Kreuzung angebrachten Stoppschilder jedes Mal unsanft unterbrochen, unsere Bremsen loben diesen Schilderwald in den höchsten Tönen. 

.Wir und wohl auch die Bewohner sind etwas weniger begeistert. Auf der menschenleeren Strandpromenade geht es in Richtung Ziel unserer Nordamerikareise. Ab und zu treffen wir auf einen Surfer, der sich in die Wellen stürzt, ansonsten geht es ruhig zu und her. Der einzige Campingplatz auf der heutigen Strecke liegt zum Glück nur gerade 65 Kilometer entfernt, so bleibt am Abend genügend Zeit, die Wäsche vom Stadtdreck und den Bettflöhen unserer Gammelherberge zu befreien. Einen Steinwurf vom Meer entfernt stellen wir unser Stoffhaus auf, glücklich, endlich wieder in einem sauberen, weichen Bett zu schlafen. Heute wird die Sicht auf den Mond in Half Moon Bay zwar durch Regen getrübt, aber unseren Gemütern geht es blendend.

Nach dem butterzarten Einstieg geht es am zweiten Tag wieder richtig zur Sache. Wir wollen am Abend Santa Cruz erreichen und da hilft nur treten, treten, treten. Petrus scheint heute weniger entscheidungsfreudig zu sein, mal lässt er die Sonne erstrahlen um kurz darauf mit Wolken aufzufahren, die, kaum haben wir die Regenkleider montiert, sich im Nichts auflösen.
Sobald wir die Küste für einen kurzen Moment verlassen, befinden wir uns mitten im Gemüsedschungel. Weite Rosenkohl-, Lauch- und Kürbisfelder breiten sich vor uns aus und Traktore mit überfüllter Ladefläche transportieren die Ernte weg. Nicht wenige Rosenköhlchen kriegen die Kurve nicht und kullern über die kleinen Wändchen auf die Strasse, um kurze Zeit später auf dem Radstreifen zum Stillstand zu kommen.

 Bald gesellen sich Lauchstangen dazu und unsere Spur gleicht fortan einem Gemüseparcours. Im Slalom schlängeln wir uns durch das Grün, das unser Abendessen hätte sein können.
Von den grünen Feldern geht es zurück an die braune, ausgetrocknete Küste. Einzig ein schilfähnliches Gewächs trotzt hier der Dürre und dem Wind.
Hinter der nächsten Kurve warten am Strassenrand zwei neben ihrem mit Surfbrettern beladenen Auto stehende Fans auf uns. Ein etwas in die Jahre gekommener Surferboy und sein jugendlicher Sohn feuern uns an und strecken uns Limoflaschen entgegen. An solche Getränkeposten könnten wir uns glatt gewöhnen.
Pünktlich zum Schulschluss treffen wir in Santa Cruz ein, in den Strassen um die Schule bilden sich lange Kolonnen mit Autos wartender Mütter und Väter. Während sich die einen Kinder nach Hause chauffieren lassen, rennen die anderen mit ihren Boogie Boards und Surfbrettern zum Strand. Im Wasser hat es denn auch nicht weniger Stau als auf den Strassen.
Von Santa Cruz geht es am nächsten Morgen weiter Richtung Monterey, einem bekannten Fischerdörfchen mit dem angeblich schönsten Aquarium des Landes. Bevor wir die Meerestiere hinter der Glasscheibe beobachten können, erhalten wir einen noch tieferen Einblick in den amerikanischen Gemüsebau. Gestern haben wir über die überdimensionierten Rosenkohl-, Kürbis- und Lauchfelder gestaunt, auf unserer heutigen Fahrt gesellen sich Salat-, Artischocken- und Erdbeerfelder dazu. Zwei mexikanische Gastarbeiterinnen, deren Gesichter sich hinter Masken verbergen, sind auf einem Feld gerade damit beschäftigt, eine Flüssigkeit auf die saftig roten Beeren zu sprühen.
Bis vor Kurzem war ich noch der Meinung, Erdbeeren und Kürbis lägen mindestens eine Saison auseinander, aber da muss ich mich wohl geirrt haben.  Beim Farmermarkt am Strassenrand können wir uns kaum satt sehen an der grossen Auswahl erntefrischen Gemüses, das uns zu Schleuderpreisen angeboten wird. Das Zehnerpack Avocados gibt es zu einem Dollar, die Poundschale knallroter, wunderbar duftender Erdbeeren zu zwei Dollars… Wir können nicht widerstehen und sind uns plötzlich ganz sicher, dass die Flüssigkeit, die die zwei Damen auf die Erdbeeren gesprüht haben, nur Wasser sein konnte.

Pünktlich zur Mittagszeit erreichen wir ein Örtchen, von dem aus wir Hunderte Seehunde, die einen alten Steg erobert und zu ihrem Zuhause erklärt haben, aus nächster Nähe beobachten können. Als wir am Abend in Monterey eintreffen und von einem heftigen Regenschauer begrüsst werden, müssen wir mit Schrecken feststellen, dass der Zeltplatz sich auf dem Hausberg befindet und der Weg dorthin lang und steil ist. Meine besonders atmungsaktive Regenhose hat wohl vor lauter Anstrengung vergessen auszuatmen und so bin ich von innen und aussen gleichermassen durchnässt, als wir den Gipfel endlich erreichen.
Wir kommen zum ersten Mal in den Genuss, unser Abendessen im Vorzelt zubereiten zu dürfen. Als ich am Abend im Zelt liege, überlege ich mir, ob ich heute auch hier, fast am Ziel unserer Reise wäre, hätte es in den vergangenen Monaten mehrmals so geregnet.
Am nächsten Morgen gönnen wir uns eine ausgedehnte Aufwärmrunde im Kaffeehaus, bevor wir im Aquarium die Pinguine, Thun- und Haifische bestaunen und uns von der Schönheit der Quallen verzaubern lassen.

Als wir gegen Mittag das Aquarium verlassen, scheint die Sonne, als wäre sie nie weg gewesen. Die kurze, aber anstrengende Etappe mit vielen Steigungen führt uns durch ausgedehnte Wälder ins Landesinnere. Auf den letzten Kilometern rebelliert mein Fahrrad und lässt sich partout nicht mehr schalten. Mein persönlicher Velomechaniker versucht den Wechsler richtig einzustellen, aber es will ihm nicht so ganz gelingen und so knattert und stöhnt mein Rad für den Rest des Tages vor sich hin.

Am Abend auf dem Zeltplatz treffen wir auf drei äusserst lustige Alleinreisende in unserem Alter. Bei Hopfensirup sitzen wir zusammen an einem Tisch und erfahren, dass Brian mit dem Fahrrad auf Reisen ist, weil er das Autobillett abgeben musste, Hans gerade seinen Job geschmissen hat und sich nach seiner Reise neu orientieren möchte und Paul von Beruf Velomechaniker ist und sich endlich durchringen konnte, auf seine erste Radtour zu gehen. Irgendwann vergessen die Jungs, dass noch eine Frau am Tisch sitzt und hüpfen im Gespräch von einer zur nächsten Männerdomäne, wobei einige nicht ganz jugendfrei sind. Am nächsten Morgen weiss ich nicht mehr jedes Detail des am Vorabend Erzählten, aber geblieben ist mir, dass Paul Velomechaniker ist und den könnte mein Rad gerade äusserst gut gebrauchen. Paul, ganz der Profi, braucht keine Minute, um meinen rebellierenden Gaul in ein geschmeidiges Rennpferdchen zu verwandeln. Während Hans sich für einen Wandertag entscheidet, verabreden wir uns mit Brian und Paul für den Abend in San Simeon.

Ein Glück, dass unser GPS für die heutige Strecke keine Höhenangaben liefern kann, sonst wäre ich wohl bei Hans im Wald geblieben. Aus den Kartenausschnitten interpretiere ich eine flache 110 Kilometer-Etappe der Küste entlang. Kaum gestartet, finde ich mich an einem Berg wieder, der meiner Vorstellung von einem angenehmen Morgen nicht im Ansatz entspricht. Auf dem Gipfel angekommen, liegt das Meer, wie auf der Karte eingezeichnet, genau neben mir, einzig eine etwa 400 Meter steile Felswand trennt mich vom Wasser.

Die folgende Abfahrt zum Strand vermag meine Laune für einen kurzen Moment anzuheben, genau so lange, bis ich das Ebenbild des gerade erklommenen Hügels vor mir sehe. Oben angekommen, stelle ich fest, es geht im gleichen Stil weiter.

Ich erklimme gerade Hügel Nummer drei, als neben mir eine kleine Herrengruppe auf Rennrädern freundlich grüssend vorbeizieht. Bald kommt das nächste Grüppchen und dann noch eines und wieder eines. Irgendwann frage ich mich, ob ich in die Tour d’America geraten bin, sofern es so was nach Lance Armstrongs Skandal überhaupt noch gibt. Während die einen kaum grüssen, muntern mich andere mit Sprüchen wie „heute ist bei dir wohl eher Krafttraining angesagt“ und „mit deinem Gepäck wäre ich auch nicht so schnell“ auf. Jedem biete ich den Fahrradtausch an, aber keiner will darauf einsteigen. Gegen Mittag hat uns wohl auch der Letzte des rund fünfzig Personen fassenden Feldes überholt. Doch auch die besten Radler brauchen mal eine Pause und so treffen wir sie um zwölf Uhr alle wieder.

 In ihrer zwanzigminütigen Pause lassen sich die Schnellradler von ihrem Begleittross Peanutbutter und Bananen servieren – was sonst? – um kurze Zeit später wie ein Fliegenschwarm an uns vorbeizurauschen, diesmal auf Nimmerwiedersehen. Allmählich ziehe ich eine Ernährungsumstellung auf Peanutbutter ernsthaft in Erwägung. Bei drückender Hitze setzen wir unsere Fahrt am Nachmittag fort. Wie gerne wäre ich jetzt einer dieser farbenprächtigen Schmetterlinge, die mit leichtem Flügelschlag neben uns hertänzeln. Kurz vor dem Ziel treffen wir an der Küste auf eine riesige Elefantenrobbenherde. Wie Steine liegen sie am Strand und bewegen sich höchstens für ein langgezogenes Gähnen. Elefantenrobbe müsste man sein.

Erschöpft erreichen wir San Simeon und freuen uns auf das Wiedersehen mit Paul und Ryan, doch von ihnen fehlt jede Spur. Stattdessen sind rund zwanzig andere Radfahrer auf dem Platz und zum ersten Mal seit Reisebeginn lernen wir einen Schweizer Radler kennen. Mit dem Eindunkeln um halb sieben Uhr kehrt in der Zeltstadt Ruhe ein, hier und da noch ein Lämpchen im Zelt, die ersten Töne von schnarchenden Nachbarn, nur die Schweizer zögern mit ihrem Geplauder die Nachtruhe hinaus.
Kaum aus den Federn, kommen wir am nächsten Morgen mit einem mitteilungsbedürftigen Amerikaner ins Gespräch. Er schwärmt Sven von den schönen Studentinnen in der nicht weit entfernten Universitätsstadt vor und versichert ihm, es sei ganz leicht, sich dort eine zu angeln. Er selbst werde dies mit Bestimmtheit tun. Keiner zu alt, ein Aufreisser zu sein, steht der gute Herr doch kurz vor seiner Pensionierung. Das Geheimrezept für seine gute Form und sein – zumindest aus seiner Sicht – äusserst attraktives Aussehen liefert er gleich mit. Jeden Tag stärkt er sich mit einem Gläschen Rollmöpsen und zwei Gläschen Wodka. Die Ess- und Trinkempfehlungen stammen vom Hausarzt, wie er uns versichert. Ob die jungen Frauen auch zu diesem Gesundheitsprogramm gehören, verrät er uns nicht.
Die lange Fahrt vom Vortag hat an unseren Kräften gezehrt und da wir heute ausnahmsweise keinen Wodka mitführen, fällt uns der Einstieg schwer. Zum Glück führt der Weg heute nicht nur auf der Karte direkt der Küste entlang.
Der Velostreifen ist einmal mehr ein Abbild der Umgebung und löst bei mir ein eher mulmiges Gefühl aus. Gilt es anfänglich noch toten Rehen und Waschbären auszuweichen, kommen später Kojoten und Schlangen dazu. So bleibt keine Zeit, den Blick in die Umgebung schweifen zu lassen, fordert die Strasse doch die volle Aufmerksamkeit.

 Wir schaffen es bis zum Abend in die Touristenhochburg Pismo Beach und ergattern uns dort ein ruhiges Plätzchen direkt am traumhaft schönen Strand. Einem erholsamen Ruhetag steht nichts mehr im Wege. Am Abend gesellt sich auch noch ein deutscher Radler hinzu, den wir bereits am Vorabend getroffen haben. Während er sich am nächsten Morgen früh auf den Weg macht, schalten wir einen Ruhetag ein. Die extreme Hitze zwingt uns zum Nichtstun und das gefällt mir ausgezeichnet. Der kurze Spaziergang zum Städtchen ist denn auch eine schweisstreibende Angelegenheit, die mit viel kühlem Cola ausgeglichen werden muss.
Die hiesige Spezialität Clamchowder, Muschelsuppe in einem Brötchen, lassen wir uns trotz der warmen Temperaturen nicht nehmen und sind von deren Geschmack positiv überrascht. Am Abend erleben wir wieder einmal einen kitschig schönen Sonnenuntergang am Meer und beschliessen, die Weiterfahrt um einen zusätzlichen Tag hinauszuzögern.
Am dritten Abend, ich habe es mir gerade auf einer Bank gemütlich gemacht, höre ich meinen Namen rufen und als ich aufschaue, steht Paul vor mir, Paul, den wir vor drei Tagen in San Simeon erwartet haben. Er erklärt uns, die Fahrt nach San Simeon hätten Ryan und ihn dermassen beansprucht, dass sie dem Zelt ein Motel vorzogen. Während Ryan am nächsten Tag weiterfuhr, habe er es den ganzen Tag nicht aus dem Bett geschafft und sei erst einen Tag später losgefahren. So trifft man sich wieder.
Am kommenden Morgen führt uns unser Weg von der Küste weg in Richtung Lompoc. Die extreme Hitze von zirka 35°C und die trockene Luft machen uns zu schaffen, wir hängen an der Wasserflasche wie Kamele. Die Erdbeer- und Broccolifelder auf beiden Strassenseiten überleben denn auch nur dank intensiver Bewässerung. Auch ich könnte dringend eine kalte Dusche oder zumindest ein kühles Getränk ertragen, aber hier gibt es nichts, Alaska lässt grüssen. Beim finalen Anstieg kurz vor Lompoc droht uns denn auch prompt das Wasser auszugehen, mit ausgetrocknetem Mund und leichtem Schwindel erreichen wir den Gipfel.   In Lompoc angekommen, stürzen wir uns auf den Eistee im Kühlregal des Supermarkts. Kaum abgekühlt, droht weiteres Ungemach. Grosse Strassenschilder warnen beim Campingplatzeingang vor allfälligen Klapperschlangen auf dem Boden. Ich mache fortan keinen Schritt mehr ohne meinen „Vorläufer“. Anstatt auf Schlangen treffen wir schliesslich auf David, einen alten Bekannten, den wir letztmals auf Vancouver Island gesehen haben. Wie klein die Radlerwelt doch ist. Später gesellt sich noch Martin aus Einsiedeln dazu, mit dem wir einen guten Abend verbringen und bereits Pläne für ein Wiedersehen in Buenos Aires schmieden.
Auf einen mühsamen, anstrengenden folgt ein guter, lockerer Tag. Wir haben uns diese Regel aufgrund der Erfahrungen der letzten Monate aufgestellt und bis anhin gab es keine Zweifel an deren Richtigkeit. Doch leider gilt auch hier „keine Regel ohne Ausnahme“.
Bereits am frühen Morgen erinnert uns die Hitze daran, genügend Wasser einzukaufen. Der Fehler des Vortages sollte uns nicht noch einmal widerfahren. Schwer beladen machen wir uns auf den Weg in Richtung Küste. Der wahre Feind des heutigen Tages versteckt sich allerdings hinter der nächsten Kurve. Ein heftiger Gegenwind peitscht uns ins Gesicht, wir treten wie verrückt in die Pedalen und kommen trotzdem nur schleppend voran, jeden Meter in Richtung Meer müssen wir uns hart erkämpfen.
Ein heftiger Windstoss macht mein Rad für Sekunden manövrierunfähig und ich pralle in den zwei Meter entfernten Randstein. Doch damit nicht genug, der Radstreifen gleicht fortan einem Schlangenfriedhof, während einige bereits platt und trocken sind, wirken andere noch frisch und gut erhalten. Ich brauche die gesamte Fahrbahn für meine Zickzackfahrt. Erst nach einer Ewigkeit erreichen wir den Gipfel und die folgende Abfahrt wird zum Alptraum. Trotz steiler Strasse müssen wir kräftig in die Pedalen treten, um nicht still zu stehen. Auf halber Strecke prallt eine vom Winde verwehte Wespe in mein Gesicht, genau auf die zwei Zentimeter freie Haut zwischen Helm und Brille. Sven muss den Stachel samt Hinterteil des Insekts mit einer Pinzette herausoperieren. Fortan fahre ich mit pochender Stirn. An der Küste ändert sich für uns wenig, der Wind bläst von vorne und das Ziel liegt in weiter Ferne. Die Minuten werden zur Ewigkeit und die Beine schmerzen bei jedem Tritt in die Pedalen. Stunden später erreichen wir völlig entkräftet Santa Barbara und schleppen uns in die Herberge.
Eigentlich glauben wir nicht mehr daran, dass dieser Tag noch etwas Gutes bringen könnte, aber oha, das Städtchen kann sich sehen lassen. Die vielen kleinen Restaurants und Bars mit ihren dezent beleuchteten Plätzchen im Freien laden zum Verweilen ein und die fröhliche Stimmung in den Strassen wirkt ansteckend. Wir setzen uns in ein gemütliches Gartenrestaurant und versöhnen uns bei einer Portion Fajitas mit dem heutigen Tag.
Am nächsten Morgen erwachen wir erst spät aus unserem Regenerationsschlaf und entschliessen uns für einen erneuten Easyday. Starbucks erleichtert uns den Einstieg in den Tag und die zwanzig Kilometer zum nächsten State Park schaffen sogar unsere schweren Beine mit Leichtigkeit. Am Strand kurieren wir die Nachwehen des gestrigen Tages aus und nach und nach trudeln alte Bekannte ein, zuerst David, später Hans. Wir haben gerade das Nachtessen beendet, als sich mein Insektenstich zurückmeldet und meine Stirn bedrohlich anschwillt. Noch Tage später sind meine Augen zugeschwollen und das Gesicht total deformiert. In der kommenden Woche wird meine Sonnenbrille zu meiner treusten Begleiterin. Spätabends stösst noch ein deutsches Pärchen zu unserer Runde und wieder einmal bringen wir es zum Glück nicht auf die gewohnten zwölf Stunden Schlaf.
Am nächsten Morgen fühlen wir uns fit für die Fahrt in Richtung Los Angeles. Der Weg nach Malibu ist flach wie ein Brett und die Petersilienfelder wechseln sich mit kilometerlangem Militärgelände ab. Kurz vor Mittag treffen wir auf Paul, der ziemlich verschwitzt und ausser Atem mitten auf dem Radstreifen steht und sich eine Pause gönnt. Wir fragen ihn nach den Plänen für den heutigen Tag und er gibt uns mit seiner humorvollen Art zu verstehen, dass er in den letzten Tagen herausgefunden hat, dass er eher der Moteltyp sei und sich bald mal eine geeignete Unterkunft für die Nacht suchen werde. Wir bedauern seinen Abgang aus der Camperwelt, war er doch eine echte Bereicherung im Velozirkus. Immerhin bleibt uns Hans erhalten, diesen treffen wir auch heute Abend wieder. Er zählt inzwischen zu unseren engsten Freunden in unserem temporären Freundeskreis und wir schätzen es, mit ihm Gespräche führen zu können, die über das Kennenlernen hinaus gehen.
Nach einer ruhigen Nacht verschlägt es uns am nächsten Morgen nach Downtown Malibu, Treffpunkt der Reichen, Schönen und Schöngemachten. Wir nisten uns an einem Tischchen vor einem Delikatessenrestaurant ein und geniessen einen viel zu teuren, dafür aber richtig guten Salatteller, als am Nebentisch eine ungefähr fünfzig jährige Superliftata mit geschätzter Kleidergrösse Zero und BH Grösse H Platz nimmt. Ihr aalglattes, ausdrucksloses Gesicht wird von prallen Riesenlippen geziert. Beginnt sie zu lachen, droht ihre nach hinten gespannte Haut zu zerreissen. Jedes Gespenst im Disneyworld sieht weniger furchterregend aus als dieses völlig verschandelte Gesicht der wohl ersten Patientin eines Schönheitschirurgen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was an diesem Gesicht vor dem Eingriff schlechter ausgesehen haben könnte.
Malibu bildet den Anfang des uns aus Filmen bekannten Kaliforniens. Am Meer und auf den Hügeln reihen sich die teuren, mit hohen Mauern umgebenen Villen aneinander und der breite Sandstrand wird von Lifeguards bewacht. Die Szenerie mit den gelben Lifeguardpickups, blauen Überwachungstürmen und orangen Bojen erinnert mich unweigerlich an Baywatch. Und tatsächlich finden wir wenig später das Baywatchboot neben einem Türmchen stehen. Meist führt uns der Radweg dem Meer entlang und wir können uns am turbulenten Strandleben kaum satt sehen. Die vielen Restaurants und Chilbiplätze locken am Wochenende Tausende Bewohner an die Strände, trotzdem haben die Lifeguards wenig Arbeit, denn einzig die Surfer wagen sich um diese Jahreszeit ins eiskalte Wasser. Die dicht besiedelten Vororte sind alle zusammengewachsen und meist können wir nicht sagen, ob wir noch im letzten oder schon im nächsten Städtchen sind. Ab und zu führt der Radweg weg von der überfüllten, aber dennoch sicheren Strandpromenade auf die gefährlichen Strassen. Auf diesen Strecken lernen wir die ärmeren, teils heruntergekommenen Viertel der Stadt kennen und treffen auf viele Obdachlose, die sich unter Brücken eingerichtet haben. Wir übernachten fortan in Motels, da in dieser Stadt kein Platz mehr für Campingplätze ist. Dort lassen wir uns jeden Morgen aufs Neue überraschen, was „full continental breakfast“ für den jeweiligen Betreiber bedeuten mag. Das Radfahren macht uns unter diesen Bedingungen nicht mehr allzu grossen Spass, wir spulen die Kilometer ab und zählen die Tage bis nach San Diego.

Und irgendwann ist der letzte Tag unserer Nordamerikareise tatsächlich da. Mit dem nahrhaften Motelfrühstück im Bauch machen wir uns auf den Weg in Richtung Universität von San Diego. Dort sind wir nicht der jungen, schönen Frauen wegen, sondern um der Einladung von Lou, der Bekanntschaft aus dem Napavalley, zu folgen.

 Pünktlich um drei Uhr holt er uns mit seinem Rennrad ab und wir fahren gemeinsam zu seinem Haus in San Diego. Auf dem letzten Kilometer zu Lous Haus geht es steil bergauf, doch jeder Meter lohnt sich, denn auf uns wartet hier ein fulminantes Ende unserer Nordamerikareise.
Wir steigen zum letzten Mal von unseren Rädern, die uns sicher von Anchorage nach San Diego getragen haben. Während 409 Stunden sind wir auf deren Sättel gesessen, 6500 Kilometer haben wir abgespult, knapp sieben Mal den Mount Everest bezwungen, 61 Nächte haben wir im Zelt und 35 auf einer weichen Matratze verbracht, an nur drei Tagen konnten wir unsere Regenkleider testen und schliesslich sind 18 Kilos Körpergewicht irgendwo auf der Strecke geblieben. Wir sind am Ziel unserer Nordamerikareise. Wow!

Nachspann:

Es hat mit einem unverbindlichen Gespräch vor dem Supermarkt in Geyserville begonnen und jetzt, einen Monat später, finden wir uns zum Ende unserer Reise im Whirlpool auf der Terrasse von Lous Villa wieder. Von hier aus bietet sich uns ein fantastischer Blick auf die Stadt und die Küste von San Diego. Der Start in unsere Ferien von den Ferien könnte nicht besser sein.
Später lernen wir Lous Frau Nancy und sein siebzehnjähriger Sohn Trevor kennen und für das Abendessen, grillierter Lachs mit Quinoa, stösst Walle, der zweite Herr vom Napavalley, dazu.
Im wunderbar weichen Bett mit sensationeller Sicht auf das Meer fallen wir in einen Dornröschenschlaf.
Am nächsten Morgen will Lou von uns lernen, wie man ein richtiges Schweizer Müesli zubereitet, diesen Part übernehmen wir gerne. Danach stellen wir mit ihm das Programm für die nächsten fünf Tage zusammen, für Erholung bleibt da keine Zeit. Es stehen ein Zoobesuch, die Besichtigung vom Midway und Old Town, eine Shopping- und Bartour, Beachlife und verschiedene Rundfahrten auf dem Programm. Ausserdem schreit mein Haar nach einem Coiffeur und unsere Räder könnten durchaus etwas fachmännische Liebe ertragen.
An einem Abend bekochen wir die Freunde der Familie, an einem anderen feiern wir im angesagtesten Halloweenrestaurant der Stadt das Kürbisfest. Aber das absolute Highlight unseres San Diego Aufenthalts findet gleich an unserem ersten Morgen statt. Lou lädt uns auf einen Rundflug über San Diego ein.

Im Tiefflug kreisen wir mit seinem Propellerflugzeug über den Dächer von San Diego, danach geht es zur Küste und über dem Wasser komme ich in den Genuss meiner ersten Flugstunde.
Die Tage in San Diego übertreffen unsere kühnsten Träume und wir lernen viele interessante, herzliche und weltoffene Menschen kennen und Lou macht unseren Aufenthalt zu einem wohl einmaligen Erlebnis.
Schweren Herzens nehmen wir nach fünf Tagen Abschied von Lou, Nancy und Trevor und machen uns mit unserem Mietauto auf nach Los Angeles. Unsere Räder sind in dieser Zeit in San Diego in den besten Händen und wohnen nach dem Service im Hangar.
Wir wiederum wohnen in L.A. in der schönen Wohnung von Brett, einem gleichaltrigen Surferboy, dessen Board neben dem Esstisch steht. Auf dem Wohnzimmerboden erhalten wird denn auch gleich die erste Surflektion. Ein Besuch auf dem Hollywoodboulevard und im Disneyworld runden unseren Kurzaufenthalt ab. In diesen Tagen werden wir noch einmal darin bestätigt, dass wir uns eindeutig für die richtigen Reisegefährten für unseren Trip entschieden haben, erleidet unser Auto doch bereits nach hundert Kilometern einen platten Reifen. Der Libanese in der Werkstatt flickt den Schaden zu einem Spottpreis, versichert uns, die nächsten Tage werde der Pneu halten und entlässt uns mit den Worten „don’t tell rental car“. Das würde uns zuletzt einfallen.
Am nächsten Morgen steigen wir ins Flugzeug nach Kahului und gönnen uns auf den Inseln von Hawai’i drei Wochen dolce far niente. Danach erkunden wir mit fünf Freunden während zwei Wochen Los Angeles, Las Vegas und die verschiedenen Nationalpärke der Umgebung, ehe wir am 9. Dezember nach Buenos Aires und fünf Tage später nach Ushuaia fliegen und dort unsere Südamerikareise beginnen. Auch der Schreiberling braucht Erholung und ihr wahrscheinlich auch, die Vorweihnachtszeit ist ja auch ohne uns genug stressig, deshalb werden die kommenden Wochen am Strand, in den Casinos von Vegas, auf dem Vulkan und beim Schnorcheln mit den Riesenschildkröten nur in Bildern festgehalten. Die letzten Zeilen dieses Blogs entstanden im Liegestuhl an einem Beach irgendwo auf Kaua’i. Hier haben wir übrigens auch einige der verloren geglaubten Kilos wieder gefunden, so bleibt nur der Wassersack für immer verschollen. Danke, dass du uns auf unserer Reise durch Nordamerika begleitet hast, wir würden uns freuen, wenn du auch in Südamerika wieder mit dabei wärst. 

 

Info:
Route: San Francisco – San Diego
Bilder: South California

5 thoughts on “bye bye north america

  1. Schibli
    9 Dezember, 2012 at 00:47

    haha, ihr seid wirklich die geilsten! lese regelmässig. grüsse :)

  2. oex
    2 Dezember, 2012 at 03:50

    Na dann wünschen wir euch schöne Ferien! Wir machen auch gerade, nach nur einem Monat, eine kleine Pause. Hoffentlich bis bald und sonst bis später :-)
    Grüssli Oex & Bürli

  3. 15 November, 2012 at 18:16

    Jawohl ab nach südamerika…..

    Das mit Ushaia wär schon der brüller aber eben, wir können noch nicht mit sicherheit sagen das es für uns drinn liegt solange zu warten. Der gelbe hat bestimmt genug zeit unser roter jedoch hats ein bischen eilig.

    Toll wärs auf jedenfall wir werden sehen.

    Bis bald las parilladas les esperan ;-)

  4. Ürsu
    15 November, 2012 at 08:49

    ah, da dir iz nach Buenos Aires göht… vo ded wüssti o no paar Sache :-)

    Faus dr no es Hostel bruuchet:
    BA Soho Rooms in Palermo Viejo (faus dr niämer kennet wo es bessers weiss… isch nid huere billig, aber super. i cha nech süsch no d’Email-Adrässä schicke oder dene schribä für öich).

    Parilla (Grillade) wo gloub as eis vo de füf beste Steak-Restaurant vor Wäut zöut: http://www.parrillalacabrera.com.ar/ – ded müesster unbedingt reserviere, süsch chömeter nid ine… isch nid huere billig (für Südamerika-Verhäutnis), aber es isch riesig!

    Mexicano: gad ume Egge o in Palermo Viejo hets eh Mexicaner wo angers geili Tacos macht: http://www.lafabricadeltaco.com/ und när müesster unbedingt Micheladas probiere… das isch Biär mit scharfer Soose… gwöhnigsbedürftig, aber riesig

    i weiss zwar nid werum ig öich immer so Sache schicke, für das när immer so Dräcks-Föteli vom Svenny-Boy zrügg chöme… aber egal… i würd is Hostel und ou i di zwe Beize… dir wärdäts nid beröie :-)

    We dr uf Puerto Natales, El Calafate, El Chalten etc. göht, sägäts doch no… ded weissi de o no paar Sache, faus sech mis vo Alk verlöcherete Hirni dra ma erinnere!

    Viu Spass in Vegas und guete Flug (fausi nid no es Foto oder so vom Biland überchume)

    ürsu

  5. Mad
    15 November, 2012 at 08:34

    Super! Einfach toll. Vielen Dank für die spannende Lektüre. Liebe Grüsse aus dem nebligen Reusstal. Matthias

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