Bikers Paradise : Auch fuer uns?

Nach mehr als zwei Wochen ohne Training geht es am Montagmorgen, 3. September mit unserem Veloabenteuer weiter. Von Chan, dem Sohn unserer Gastfamilie, werden wir reich beschenkt. Der Abschied fällt umso schwerer.

Wir verzichten auf den „vollkrassen“ Einstieg und lassen uns bequem mit dem Skytrain aus der Stadt kutschieren. Wieder auf unseren Rädern, führt uns das GPS im Zickzack durch die Vororte von Vancouver in ländlichere Gegenden.

Nach knapp drei Stunden Fahrt treffen wir bereits an der Grenze zur USA ein. Viele Radfahrer haben uns vor der ungemütlichen Prozedur am US-Grenzübergang gewarnt. Beim Betreten des Zollgebäudes sehen wir die voll besetzten Sitzplätze und uns schwant nicht Gutes.

Ein Zollbeamter begrüsst uns beim Eintreten mit „ah, die Velofahrer“ und bittet uns gleich an seinen Schalter. Wenig später gesellen sich noch Beamter zwei und drei zu unserer Runde und sie fragen uns über unseren Trip aus. Bald spricht einer Deutsch und das Ganze endet in einem netten Plauderstündchen. Die bösen Blicke der rund zwanzig Wartenden scheinen die Beamten gar nicht zu stören, wir fühlen uns etwas unbehaglich. Die Formalitäten sind dann ruckzuck erledigt und die mitgebrachten Früchte dürfen wir nach einem kurzen Augenschein auch behalten. Gemächlich nehmen die Beamten ihre Arbeit wieder auf und die Anliegen der anderen Grenzgänger werden behandelt. Wir wagen keinen Blick zurück und machen uns etwas verblüfft schnell aus dem Staub, auf in Richtung USA.

In den nächsten Tagen erleben wir die Landwirtschaft hautnah. Wir kommen vorbei an (Gen?)Mais- und Bohnenfeldern, gemähten Wiesen mit Heuballen, Rinder- und Bisonranches.


Die Landschaft lässt uns manchmal glauben, wir seien irgendwo im Schweizer Mittelland unterwegs. Die AKW Wolke entpuppt sich aber als Abluft einer Raffinerie.

Mitten im Nirgendwo steht ein Casino und viele geparkte Autos lassen auf einen regen Besucheransturm schliessen. Der gut ausgebaute Radweg führt uns geradewegs in ein Indianerreservat. Dort stehen neben heruntergekommenen Hütten auch kleine Häuser mit Vorgärten, in denen Kinder spielen und Familien zusammensitzen. Im Wald, nur wenige Meter neben der Strasse, kauert ein ungesund aussehender Mann auf dem Boden und schaut uns mit weit geöffneten Augen erschrocken an. In einem Garten steht ein Schild mit der Aufschrift „Save our families and not the drug dealer“. Bleibt zu hoffen, dass die Casinos nicht hauptsächlich von Indianern aufgesucht werden. Denn mit den Casinos ist es wie folgt: Das organisierte Glücksspiel ist in vielen Staaten der USA verboten. Da die Reservate weitgehend unabhängig von den staatlichen Gesetzen sind, ist es ihnen erlaubt, Casinos zu betreiben. Diese sind zwar immer weit abgelegen von den Ballungszentren, trotzdem nehmen viele Spielfreudige den Weg in die Reservate auf sich. Die Gewinne der Casinos sind heute für viele Stämme die einzigen Einnahmequellen. Damit wird die Infrastruktur der Reservate finanziert und somit auch der topmoderne Radweg, der nach zwei Kilometern abrupt endet. Einzelne Reservate teilen die Casinoeinnahmen auch unter ihren Stammesmitgliedern auf. Ob diese ihr Geld dann für ihre Familien, Häuser oder Drogen einsetzen, ist natürlich ihnen überlassen.

Am Abend verschlägt es uns wieder einmal in einen wunderschönen State Park, in einem Regenwald gelegen. Wir bereiten die Zutaten für das Abendessen vor und Sven packt feierlich den Kocher aus, dem er in denen letzten zwei Wochen mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat als allem(n) anderen. Mit Ohrenstäbchen, dem Kocher zugehörigem Reinigungswerkzeug, Zahnstocher, Drähtchen, Lappen und noch mehr Drähtchen polierte Sven die Düse des Kochers in den letzten Wochen auf Hochglanz und entfernte jede kleinste Russablagerung. Daraufhin funktionierte dieser für einen Durchlauf, um kurze Zeit später wieder keinen Wank zu machen. Damit ging das Prozedere wieder von vorne los, Drähtchen, Watte und Ohrenstäbchen wurden ausgepackt… Ich hätte dieses Ding schon längst in den runden Ordner befördert, aber Sven putze und putze immer weiter. Jetzt war genug. Das Ultimatum lautete: Der Kocher muss auf unserer Weiterreise beim ersten Einsatz auf Anhieb und ohne Pflege funktionieren. Sven hat sich seriös auf dieses Ereignis vorbereitet, kurz vor Vancouver hegte und pflegte er nochmals jedes dazugehörige Teilchen einzeln und bereitete jedes auf seinen Einsatz vor. Jetzt war der grosse Moment gekommen. Sven ist sich seiner Sache sicher, voller Vorfreude packt er seinen geliebten Kocher aus. Plötzlich verharrt er wie erstarrt in seinen Bewegungen. Das alles entscheidende Plättchen mit den drei Füsschen ist weg, unauffindbar. Es hat sich wohl bei der letzten Säuberungsaktion aus dem Staub gemacht. Sven sucht und sucht und sucht. Ich bereite in der Zwischenzeit das Mahl auf unserem neu gekauften Notfall-Gaskocher zu.

Diese Liebesgeschichte nimmt kein Happyend. Sven lässt sich von der Mitreisenden mit zwei Füssen trösten. Ob es ihr gelingt wieder die neue Nr. 1 zu werden?

Kurz vor dem Einnicken vernehmen wir das Quitschen, das wir bereits zu gut kennen. Es folgt das obligate, mehrmalige, ohrenbetäubende Hupen, das noch lautere Quitschen vermischt sich dann mit einem laaaaaaangen Rattern. Einmal mehr ist es uns gelungen, unser Zelt genau neben einer Bahnschiene aufzurichten. Wir haben nun die Gewissheit, dass auch die Amerikaner keine Bahnübergänge mit Blinklichtern kennen. Bleibt zu hoffen, dass ihnen Ohropax ein Begriff sind und sie diese herstellen. Wir werden sie uns morgen umgehend besorgen.

Am nächsten Morgen, wir sind kaum aus dem Regenwald entschwunden, sticht uns die grosse Dürre ins Auge. Hier, in der im Normalfall regenreichen Gegend, ist seit Wochen kein Tropfen mehr vom Himmel gefallen. Die Agrarflächen werden so gut wie möglich bewässert. Unser Weg führt uns ein gutes Stück der Küste entlang in das viktorianische Hafenstädtchen Port Townsend.


Am nächsten Morgen halten wir im Städtchen Ausschau nach einem Radgeschäft. Wieder einmal machen unsere Bremsen mächtig Ärger, meine Vorderbremse reagiert überhaupt nicht mehr. Der nette Mechaniker kümmert sich gleich um beide Räder und wir gehen in ein nahegelegenes Hafenbeizchen und hauen uns ein liebevoll zubereitetes Frühstück rein. Bis unsere Räder wieder fit sind, geniessen wir das ganz besondere Flair dieses Städtchens, es steht mit seinem Charme italienischen Urlaubszielen in nichts nach. Die Bremsen funktionieren nach dem Eingriff wieder wie ne Eins, wir hoffen, das bleibt nun so.  Um weitere Hungersnöte zu vermeiden, decken wir uns gleich noch mit Food ein. Es verschlägt uns in einen CO-OP, im Innern des Supermarktes stellen wir fest, dass es sich um einen überdimensionalen Bioladen handelt. Und jeder dieser Stadt scheint hier einzukaufen.

Kaum aus der Stadt, fahren wir an einer weitläufigen Papierrecyclingfabrik vorbei. Riesige Altpapierbündel stapeln sich auf dem Firmengelände, aus den Kaminen steigt weisser Rauch auf. So haben wir uns die USA ganz und gar nicht vorgestellt. Wo bleiben die übergrossen Autos, die Fastfoodketten, die 3 Liter Colaflaschen, die XXL-Portionen auf den Tellern und die Mülldeponien? Ist dies hier die Ruhe vor dem Sturm?

Am Tag drei nach unserer Weiterreise sind wir endlich wieder im Tramp. Es geht gemächlich auf und ab. Plötzlich raschelt es im Gebüsch zu unserer Linken, ein Waschbär zwängt sich unter dem Dickicht hervor und setzt zum Spurt über die Strasse an. Im letzten Moment bemerkt er den heranrollenden Lieferwagen und macht einen U-Turn zurück ins Gebüsch. Das war knapp. Gemeinsam mit einem weiteren Familienmitglied späht er jetzt aus sicherer Distanz auf die Strasse. Ob sie die Situation analysieren?

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Schliesslich entscheidet er sich für die Überquerung der gegenüberliegende Strasse, diesmal ganz nach dem Motto Augen zu und durch. Im Gegensatz zu vielen seiner Artgenossen gelingt ihm das Manöver. Dieses Mal.

Nur noch zwei Kilometer trennen uns vom Ziel, da passierts. Ein bis zur Unkenntlichkeit flach gewalztes Tier liegt verstreut auf der Fahrbahn und einige Überreste auf dem Radstreifen. Ich versuche so gut wie möglich auszuweichen, leider erfolglos, das Hinterrad macht tack, tack, tack, ich halte an und es folgt ein leises tsssssssssssssssssssssssssssssssss. Ein Reisszahn des Getiers hat sich in mein Hinterrad gebohrt.


Der erste platte Reifen kostet mich das Feierabendbier- so war der Deal. Sven – ganz der Gentleman – erweist sich als geübter Mechaniker, ruckzuck ist der Schlauch ausgewechselt und die Tankstelle direkt vor den Toren des Parks liefert das kühle Bier. 3000 Kilometer haben uns unsere Räder bisher getragen, eine einzige „Platte“ lässt sich da doch glatt verkraften. Wir erleben am Meeresufer einen herrlichen Sonnenuntergang, dazu geniessen wir das kühle Bier. Unsere Welt ist in Ordnung.

Nach einer unruhigen Nacht geht es früh morgens los in Richtung Seattle. Beim Überqueren einer Brücke entdecken vier Seehunde, sie planschen im Wasser, drehen sich vom Rücken auf den Bauch, tauchen ab um wenig später an einem ganz anderen Ort wieder aufzutauchen. Wir geniessen die Privatshow und lassen uns genau so wenig von den vorbei rauschenden Autos irritieren, wie die Tiere unter uns.

Nun geht es zügig in Richtung Hafen von Bainbridge Island, wieder einmal steht eine kurze Fährfahrt auf dem Programm.

Glücklicherweise verpassen wir die Fähre nach Seattle um einige Minuten, dies beschert uns einen angenehmen Aufenthalt in einem tollen, kleinen Café im Städtchen. Der Kaffee und die heisse Schokolade schmecken genau so gut, wie sie aussehen, herrlich. Eine Stunde später spült uns die Fähre nach Downtown Seattle.

Im Hafengelände hat es wieder einmal viele Obdachlose, die mit ihren Pappbechern um Geld betteln. Gewarnt von Vancouver, suchen wir gemächlich einen sicheren Weg zu unserem Hotel. Noch gleichentags decken wir uns schweren Herzens in einem riesigen Outdoorshop mit einem neuen Kocher ein.

Wir vertrauen auf unseren Reiseführer und lassen uns für das Abendessen in ein Pub führen, das einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck macht. Das Klientel, das wir in diesem Lokal vorfinden, könnte unterschiedlicher nicht sein, Rockertypen mit Tätowierungen, Hippiefrauen, Junkies und gut gekleidete Geschäftsleute sitzen an der Bar und an den kleinen Tischchen. Zum Glück bietet sich von unserem Platz freie Sicht in die Küche und diese sieht zu unserem Erstaunen sehr sauber aus. Die Burger, die uns wenig später vom hageren Typen mit langen, fettigen Haaren serviert werden, übertreffen all unsere Erwartungen. Es wird uns eine neue Dimension der Burgerwelt eröffnet.

Auf dem Nachhauseweg kommen wir an einem Lokal vorbei, vor deren Toren ein kunterbuntes Publikum auf Einlass wartet. Wir entscheiden spontan, Tickets zu kaufen und an das Konzert der Band zu gehen, deren Namen wir noch nie gehört haben. Im Innern erwartet uns ein bereits gut gefüllter Theatersaal, wir ergattern uns zwei hintere Plätze. Wie es der Zufall will, ist unser Sitznachbar der stolze Vater eines Bandmitglieds. Das Konzert hat noch nicht begonnen, da fragt er uns, ob wir die Band auch so toll fänden. Hmmmm, was sollen wir da sagen. Während das Publikum bei der Vorband noch ruhig in den Stühlen sitzt, geht es beim Aufkreuzen des Hauptacts richtig zur Sache. Viele Zuschauer drängen nach vorne zur Bühne, bei den ersten Gitarrenklängen lassen sich auch die Letzten aus ihren Sitzen reissen. Als der Sänger einsetzt, beginnen die ersten Frauen zu kreischen und später stürmt eine ganz Mutige auf die Bühne und fällt dem Sänger um den Hals. Während eineinhalb Stunden wird uns cooler Indie Pop geboten und der keyboardspielende Sohn unseres Nachbars macht eine gute Falle. Das begeisterte Publikum holt mehrere Zugaben heraus. Tage später erfahren wir dann von einem Radler, dass diese Band in den USA eine grosse Nummer sei.

Am nächsten Morgen gehen wir zum Pike Markt, der „place to be“ in Seattle. Zwei riesige Markthallen beherbergen unterschiedlichste Stände und kleine Restaurants. Saftige Früchte, Gemüse in allen Farben und Formen, fangfrischer Fisch, wunderschöne Blumenbouquets, Beefjerky und vieles mehr werden auf den Ablagen präsentiert. Die Marktstandbetreiber bieten an jeder Ecke „Probiererli“ an und buhlen um Käufer. Die Gäste lassen sich im Strom an den vielen Ständen vorbei treiben und nicht wenige Frauen werden mit einem Blumenstrauss in der Hand zurück ans Tageslicht entlassen. Wir essen uns in diesen drei Tagen durch die Delikatessen dieses Marktes und entdecken immer wieder neue Highlights. Die Schokoladecroissants des französischen Bäckers lassen jeden Morgen in Seattle zum besten überhaupt werden. Den Besuch des ersten Starbucks dieser Welt, eröffnet im Jahre 1971, überlassen wir anderen, da stehen wir lieber eine halbe Stunde für die beste Suppe der Stadt an.

An jeder Ecke wird uns erzählt, hier herrsche seit fünfzig Tagen Sonnenschein. Für die Bewohner ist dies eine Sensation, gehört die Stadt doch zu den regenreichsten ganz Amerikas. Normalerweise gilt hier jeder Nicht-Regentag als schöner Tag. So wundert es mich auch nicht, dass meine Suche nach Shorts lange erfolglos bleibt.

Am Abend ergattern wir uns Tickets für das Heimspiel der Mariniers. Das Baseballstadion ist gigantisch. Auf unseren billigen Plätzen in den oberen Reihen sind zwar die Spieler weit entfernt, dafür ist die Sicht auf die Silhouetten der Stadt umso besser. Nach etwas mehr als einer Stunde steht es auf dem Spielfeld 4 zu 2. Wir sind uns einig, selbst Schach ist spannender als Baseball. Es soll tatsächlich Menschen geben, die dieses „Spektakel“ während drei Tagen mitverfolgen. Als krönenden Abschluss unseres Baseballexkurses dürfen wir noch einen Homerun miterleben, das Stadion tobt und wir können getrost abzotteln, gerade rechtzeitig, um noch ein Nachtessen zu kriegen.

Nach einem weiteren Tag „Seattle total“ fällt uns der Abschied echt schwer. Auf der Fähre – es ist Fahrt Nummer 8 an der Zahl – werfen wir wehmütig einen letzten Blick zurück. Der angesagte Sturm erweist sich zum Glück als Nieselregen, für den es sich nicht einmal lohnt, die Regenkleider auszupacken.

Der Weg führt uns an die Küste, wo einmal mehr an jeder Ecke Austern gezüchtet werden und an Seen, die von süssen, grünen, roten, blauen und gelben Häuschen umgeben sind.


Die Landschaft erinnert uns zeitweise mehr an Skandinavien als an die USA. Am zweiten Tag nach unserer Abreise erleben wir einen wahren Hitzetag, das Thermometer klettert auf 28 Grad und die warme Luft lässt die vor uns liegende Strasse tanzen. In einem kleinen Bogen fahren wir wieder Richtung Küste. Die Camper sind hier im Inland wie weggefegt, im Statepark treffen wir auf einen einzigen RV. Wir angeln uns den schönsten Platz am Fluss und bereuen schon bald, nicht auf der anderen, sonnigen Seite zu sitzen. Am Abend stürzen die Temperaturen ab und auch die Wollmütze mag mich nicht mehr richtig aufzuwärmen, am nächsten Morgen zeigt das Thermometer -4 Grad, wir essen im Stehen und packen schnell zusammen. Zum ersten Mal radle ich mit Mütze los, es ist mir zu kalt für den Velohelm. Die ersten Sonnenstrahlen und der erste Bergpreis bringen die Wärme zurück in unsere Körper. Wieder an der Küste, treffen wir seit Wochen den ersten Langzeitradler an, ein junger Kanadier, der in Vancouver mit seinem Rennvelo zum grossen Abenteuer gestartet ist und tagtäglich mehrere platte Reifen und gebrochene Speichen reparieren muss.

Wir biegen auf den berühmten Highway Number 101 ein, der der Küste entlang bis nach San Francisco führt und ein beliebtes Reiseziel für Hunderte von Camper und Velofahrer ist.


Am Abend auf dem Campingplatz kommt es zum grossen Schaulaufen der Radreisenden. Neben dem jungen Kanadier treffen drei weitere Radler und eine Radlerin ein. Nachdem sich jeder sein Nachtessen gekocht hat, setzen wir uns um das Lagerfeuer und tauschen Reiseerfahrungen aus und geben einander wertvolle Tipps weiter. Zum ersten Mal wird uns bewusst, was die anderen Radler unter „kochen“ verstehen. Die zwei hübschen Jungs von der Ostküste ernähren sich von Stocki. Der junge Kanadier schwört auf Peanutbutter in Weizentortillas, zum Dessert löffelt er dann gleich die Peanutbutter aus dem Glas. Die Dosensuppe und die Schokoladenmilch ergänzen die Runde. Wir passen mit unserer frisch zubereiteten Bolognesesauce und dem griechischen Salat nicht ganz ins Bild und enthalten uns der Diskussion um das beste Radleressen.

Der alte Amerikaner, am Vorabend mit der kürzlich kennengelernten, jungen Schottin angereist, muss diese den zwei Jungs von der Ostküste überlassen und steigt frühmorgens angesäuert auf sein Rad und zischt ohne Grusswort davon.

An diesem Morgen finden wir doch noch eine Gemeinsamkeit beim Essen. Alle stürzen sich auf die Sträucher mit den wunderbaren Brombeeren. Die einen legen sie dann in ihre Tortillas, andere mischen sie unter das Instantporridge und wir unter unser Müesli.

Seit Wochen haben wir schönstes Wetter und die weiteren Prognosen zeigen nur „Sünneli“. Wir fragen uns langsam, ob unser Wetterapp kaputt ist. Den Campground verlassen wir als Zweite und da Sven unter keinen Umständen eingeholt werden möchte, schlägt er ein Tempo an, das ich kaum mithalten kann. So treffen wir tatsächlich bereits um zwölf Uhr im 60 Kilometer entfernten Städtchen Long Beach beim Cape Disappointment ein und sind gar nicht enttäuscht. Enttäuschend sind einzig die lampigen Frites, die uns am Hafen zum frittierten Lachs serviert werden. Die Scampi, die wir uns auf dem Fischmarkt für das Abendessen einpacken lassen, sind dafür butterzart. Wir sind jetzt übrigens im „richtigen“ Amerika eingetroffen. Im Supermarkt fragt uns die Dame vor uns an der Kasse tatsächlich, warum wir so gesund einkaufen. Nur knapp kann ich mir den Satz „Weil ich nicht so aussehen möchte wie Sie…“ verkneifen. In ihrem Einkaufswagen strahlen die Tiefkühlpackungen um die Wette.

Der Campground, dessen Namen nichts Gutes verspricht, erweist sich als kleines Juwel. Unser Zelt können wir wenige Meter vor dem Strand aufstellen. Uns liegt ein kilometerlanger Sandstrand zu Füssen. Zu unserer Rechten thront ein schöner Leuchtturm auf einem Felsvorsprung. Er wurde aufgerichtet, nachdem viele Schiffe dort gesunken sind.


Der Strand ist mit Schwemmholz übersät, es liegt am Boden, oder aber Menschen haben daraus kleine Hütten gebaut. Diese schützen uns vor dem heftigen Wind, der hier weht. Mit der untergehenden Sonne beobachten wir die Pelikane, die einige Meter über dem Wasser ihre Kreise ziehen, um Sekunden später wie Pfeile senkrecht ins Wasser zu schiessen und sich Fische zu ergreifen. In der Nacht werden wir vom lauten Rascheln neben unserem Zelt geweckt. Eine Waschbärenfamilie macht sich über unseren Müll her, wir versuchen sie mit klatschen und rufen zu vertreiben, sie bleiben seelenruhig stehen, bis sie die letzten Scampiüberreste verputzt haben.

Der Highway one-o-one erfordert am nächsten Tag unsere ganze Aufmerksamkeit. Die Radspur wechselt im Minutentakt von zwei Metern Breite auf zwanzig Zentimeter. Die mit Holzstämmen schwer beladenen Trucks überholen uns meist in angemessenem Abstand. Mehr Mühe bereiten uns die RV’s, deren pensionierte Neulenker die Dimensionen ihres Gefährts noch nicht ganz im Griff haben und oft im letzten Moment noch einen Schlenker ziehen. Bald treffen wir an jeder Ecke auf Radreisende. Kreuzt man sich, wird kurz die Hand gehoben oder „hello“ gesagt. Würde man, wie in Alaska, mit jedem einen Schwatz halten, käme man nie ans Ziel. Wir vermissen bereits die Einsamkeit und Wildnis des Nordens. Hier ist Radfahren ein Kinderspiel, grüne Bike Route Tafeln weisen einem den Weg, alle paar Meilen gibt es Supermärkte und jeder Statepark verfügt über eigens für Biker eingerichtete Zeltplätze. Für 5 Dollars pro Person kann man hier hausen, die heisse Dusche inklusive – as long as you want.

Wahrhaftig ein Bikerparadies und trotzdem nicht unser grösster Traum. Immerhin müssen wir uns für einmal um nichts kümmern.

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Am Nachmittag treffen wir in einem Städtchen namens Seaside ein, ein Touristenhotspot, bestehend aus Strassencafés, Restaurants und Hotels. Bis heute habe ich geglaubt, alle Touristen fahren hier bloss die Küste rauf und runter, aber ich werde eines besseren belehrt, die meisten halten sich in Seaside auf. Aus den Strassencafés dringt Musik, Securitas lenken den Verkehr, Familien tummeln sich am Strand, auf dem Gehsteig drängen die Menschen zum nächsten Eisstand. Die Stadt lebt. Wir geben uns für eine Weile dem Treiben dieser Stadt hin, ehe wir wieder auf die Bikes steigen.

Wohl behalten treffen wir am Abend in Cannon Beach ein. Auf dem Zeltplatz lernen wir Chris, einen netten Typen aus Anchorage (unserem Startort in Alaska) kennen. Gemeinsam radeln wir ins Städtchen und schauen uns am Strand den Sonnenuntergang an. Grosse Felsbrocken stechen wie Hügel aus dem Wasser und bieten die perfekte Kulisse für kitschige Sonnenuntergangfotos. Anschliessend degustieren wir uns im Brauhaus gemeinsam quer durch das hauseigene Bierangebot. Am nächsten Morgen wird Sven nochmals an die ausgezeichneten Biere des Vorabends erinnert. Der Alaskaner schafft an diesem Tag auch nur knapp die Hälfte seiner vorgenommenen 140 Kilometer.

Seit Wochen sind wir auf der Suche nach gutem Käse, wie gerne würden wir unsere Brotscheibe am Morgen mit einem Stück davon belegen. Leider kommt alles, was hier mit Käse angeschrieben ist, eher unserer Vorstellung von Kaugummi nahe. Heute führt unser Weg an Tillamook vorbei, Tillamook ist das Gruyère der USA. Wir machen uns grosse Hoffnungen. Den Weg dorthin müssen wir uns aber hart verdienen, seit unserer Abreise herrscht dichter Nebel und wieder einmal ist es s..kalt. Die Küstenstrasse führt uns zu wunderschönen Sandstränden, wir legen öfter mal einen Stop ein. Gegen Mittag reisst der Himmel auf. Sobald die Strasse ansteigt, bietet sich ein herrlicher Blick über die Küste. Gemeinsam mit den gut motorisierten Rentnern drängen wir uns auf die Aussichtsplattformen und geniessen die ausgezeichnete Aussicht.

Am Nachmittag erreichen wir die Käseproduktionsstätte in Tillamook. Mit hunderten anderen Touristen strömen wir in das Gebäude. Die Tour steht jener in Gruyère in nichts nach, im Obergeschoss bietet sich uns freie Sicht auf die Produktionsstätte. Auf dem Förderband unter uns ziehen riesige, weisse Klötze vorbei, bald kommen auch noch welche in orange. Das Beste kommt auch hier zum Schluss des Rundgangs, bevor man in den Shop geführt wird, darf degustiert werden. Wie jede Degustation, sollte auch diese zum Kauf anregen. Sollte. Wir sind uns nach dieser eingehenden Erfahrung ganz sicher, dass wir Cheddarcheese und Swisscheese auch in Zukunft im Kühlregal links liegen lassen können. Die hauseigenen Eissorten sind dafür ausgezeichnet und bilden für uns den krönenden Abschluss dieses Abstechers.

Gesundheitlich geht es uns blendend, aber erste Ermüdungserscheinungen machen sich bemerkbar. Wir entscheiden uns, künftig am Sonntag einen Ruhetag einzulegen. Leider ist heute erst Samstag und ich kann mich auch heute nicht an den Nebel und die Kälte gewöhnen, aber weiter geht’s. Das seit Tagen gleiche „copy paste – Sünneli“ bei der Wettervorhersage beginnt mich allmählich zu nerven, ich sehe nicht einmal zum nächsten Baum und da will mir einer Weis machen, dass die Sonne den ganzen Tag scheint. Herr Bucheli wäre seinen Job längst los, leider kenne ich den Herr Bucheli von Oregon nicht und so kann ich meine Flüche einzig gegen den Himmel richten.


Zu Beginn des Tages fahren wir eine Stunde durch den Wald und ich bin wie in Trance. Am frühen Nachmittag wird es dann wieder richtig warm, so, dass ich bis zur Ankunft auf dem Campingplatz längst vergessen habe, wie schlimm die Kälte am Abend und Morgen ist. Auf dem Weg lernen wir Michael J. Fox kennen, er hat tatsächlich mit seinem Liegerad die Strecke von Alaska bis hierhin zurückgelegt. Als er am Abend das Zelt neben dem unseren aufschlägt, laden wir ihn spontan zu unserem Risotto-Dinner ein und nach anfänglicher Zurückhaltung greift er kräftig zu. Er erzählt uns über sein Leben als Namensvetter des jüngeren Michael J. Fox und wie er jeweils die Fanpost beantwortet, die heute noch in sein Haus flattert.

Mit 70 Jahren liess er sich von seinem Sohn ein Liegerad schenken und machte sich auf den Weg. Nun besucht er seine acht Schwestern, die verstreut in ganz Amerika leben. Nach fünf Monaten on the road denkt er bereits ernsthaft darüber nach, sein Haus zu verkaufen und für den Rest seines Lebens in die Pedalen zu treten. Wir lernen: „Keiner zu alt, ein Radreisender zu sein“. Seine Begeisterung ist grenzenlos und wir sind fasziniert von unserem Michael J. Fox, diesem kann kein anderer Michael J. Fox das Wasser reichen, mag er noch so berühmt sein.

Nach dem Samstag kommt bekannterweise der Sonntag und wir legen unseren „Quasi-Ruhetag“ ein. Am Morgen fahren wir ins zehn Kilometer entfernte Städtchen, noch etwas verschlafen sitze ich auf dem Rad, da rennt ein junges Eichhörnchen direkt vor mir auf die Strasse. Als es mich erblickt, beschliesst es umzudrehen. Das Quitschen meiner Bremsen vermischt sich mit dem Quitschen des Eichhörnchens unter meinem Vorderreifen. Autsch. Ich schaue zurück. Es ist weg. Das Quitschen verfolgt mich noch eine Weile. Der nächste Schokomuffin gibt es for free.

Im Strassencafé lassen wir uns bei Sonnenschein Scones und Kaffee servieren. Da uns die Kälte zusetzt, verziehen wir uns für den Rest des Tages in die Bücherei des nächsten Stateparks und lassen uns von der älteren Dame an der Rezeption mit Tee und Kaffee umsorgen. In vielen Parks arbeiten pensionierte Volontäre. Sie säubern die Grillplätze, reinigen die WC-Anlagen und Strände und kümmern sich um die Gäste. Ohne den unermüdlichen Einsatz der Freiwilligen wäre es wohl kaum möglich, diese Parks zu unterhalten und den Radfahrern für fünf Dollars ein Zuhause zu geben. Danke!

Am Abend entschliessen wir uns, auch der Brauerei von Newport eine Chance zu geben, schliesslich wurden wir in den vergangenen Monaten nie enttäuscht. Kaum eingetreten, torkelt uns Chris entgegen. Der 100-Meilen-Chris ist immer noch in Newport, ob wir ihn verdorben haben?

Im Restaurant erlangt ein Abschnitt auf der Speisekarte unsere volle Aufmerksamkeit. Unter dem Titel Burger werden Kobebeef Burger in verschiedensten Stilrichtungen angeboten. Haben wir richtig gelesen, KOBE BEEF BURGER? Das ist doch das Fleisch, von dem in der Schweiz das Kilo rund 200 Franken kostet? Ja genau, Kobe Beef.

Der Burger wird hier zu 15 Dollars angeboten. Für ein zusätzliches Stück Fleisch werden drei Dollars verrechnet. Nach langem hin und her J entscheiden wir uns, das Geld zu investieren und bestellen Kobe Beef Burger. Wir sind nervös, gleich werden wir zum ersten und wohl letzten Mal in unserem Leben Kobe Beef essen. Der Burger ist FANTASTISCH. Lieber Adi Stern, heute verstehe ich dich 7,5 ^ 2 x π x 10cm besser, weshalb du abhauen wolltest.

Die nächsten zwei Zeilen
„chum mir kämpfed eus nomal de Berg duruf
chum mir gänd alles, usser uf“

werde ich mir dann morgen Früh verinnerlichen. Das Gebrüll der Seelöwen wiegelt uns in den Schlaf.

8 thoughts on “Bikers Paradise : Auch fuer uns?

  1. 10 November, 2012 at 01:06

    Liebe Grüße von der Baja (Mexiko). Wir hoffen ihr hattet schöne Tage, Happy Helloween und eine Rast bei der Karl Strauss Brewery in San Diego. Und genießt jetzt Strand UND Sonne auf Hawei. ;-))
    Gruß Dirk und Anita (Campground Santa Barbara)

  2. 1 November, 2012 at 12:17

    Hi ihr zwei,
    ja, da kommen Reiseerinnerungen wieder hoch. Ich wünsche euch noch viele schöne und unvergessliche Momente auf eurer Reise.

    Sonnige Grüße

    Marta

  3. Mundi
    18 Oktober, 2012 at 06:07

    Hätten wir doch besser eine Salbe gekauft :-)

  4. Desi
    12 Oktober, 2012 at 17:37

    Die Story vom Kocher erinnert mich an unseren Versuch, bzw. Sven’s und Sam’s Versuch, auf unserem luxuriösen *zwinkerzwinker* Campingplätzchen in Sarnen, Pasta auf dem Dieselkocher zu kochen – der Topf ist immernoch schwarz :D

  5. 11 Oktober, 2012 at 04:26

    Schön zu hören das Ihr immer noch gut speist und auch eure Freude mit den Waschbären habt. Gruß aus Lompoc von Berthold und Andreas

  6. Örs
    4 Oktober, 2012 at 18:43

    Glad to hear from you again. Really enjoy your reports; they’re interesting and fun to read. By the way: Back-up team has arrived – presently in Maine though (Acadia National Park).

  7. 4 Oktober, 2012 at 13:11

    Wau, super! Wann nehmt ihr euch die Zeit zum Schreiben?
    Liebe Gruess

  8. Schneider's
    2 Oktober, 2012 at 18:20

    Hervorragend – lange nicht’s mehr von Euch gelesen. Dafür habt Ihr Euch ja diesmal grosszügig mitgeteilt. Postet doch ein Foto Eurer Waderl!

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