Am Ende der Welt

Im mexikanischen Restaurant in Old Town von San Diego geniessen wir mit unserem befreundeten Pärchen aus der Schweiz das zweitletzte gemeinsame Abendessen, bevor sie übermorgen in die Schweiz zurückkehren und wir uns nach Buenos Aires aufmachen. Das feine Abendessen bildet einen gelungenen Abschluss unserer zweiwöchigen Tour mit unseren Freunden, zeitweise waren wir gar zu siebt unterwegs. Für den Schlummertrunk möchten wir von Old Town aus noch in die Innenstadt fahren, da die Rückkehr auf den Zeltplatz von San Diego keineswegs eilt, ist er doch nicht zu vergleichen mit den Plätzen im Valley of Fire und Red Rock Canyon, deren Kulissen in den vergangenen Tagen das Campieren nochmals zu einem wahren Erlebnis machten. In der Tiefgarage finden wir unseren bunt bemalten Hippiebus mit offener Fahrertüre vor. Es braucht einen Moment, bis wir realisieren, dass hier etwas nicht stimmt. Wo ist der Koffer, der in den vergangenen zwei Wochen vor unseren Füssen hin und her gerutscht ist? Und wo ist meine Radtasche mit all meinen persönlichen Utensilien? Wo liegt der Sack mit den Geschenken für unsere Freunde aus San Diego? Alles ist weg!

Während fünf Monaten sind wir ohne Zwischenfälle durch ganz Nordamerika gereist, unsere Räder und Taschen haben wir hundert Mal unbeaufsichtigt vor dem Supermarkt stehen lassen und jetzt macht sich einer – oder wohl eher eine ganze Bande – die Mühe unser Auto aufzubrechen um an ebendiese Taschen zu gelangen. Freunde, das wäre auch einfacher gegangen! Der herbeigerufene Polizist nimmt routinemässig das Protokoll auf und uns fällt häppchenweise ein, was sich in diesen Taschen befand. Während unsere Freunde neben all ihrem Reisegepäck auch noch ihre Pässe verloren haben, kommen wir einigermassen gut weg. Die Diebe wurden wohl bei ihrer Räumungsaktion gestört, haben sie doch weder den Laptop auf dem Dashboard noch die teure Digitalkamera unter dem Sitz und unsere Reisepässe, Kreditkarten und Bargeld im durchsichtigen Sack unter dem gestohlenen Koffer entdeckt. Heute waren wir echt fahrlässig, zum Glück sind wir nochmals mit einem blauen Auge davongekommen. Solltest du jemals in San Diego auf einen Amerikaner oder Mexikaner mit rotem Radlershirt mit Schweizerkreuz treffen, frag ihn, ob er dieses in einer Tiefgarage in Old Town erstanden hat.

Eigentlich hätten die zwei verbleibenden Tage einen entspannten Ausklang unserer Ferien bilden sollen, nun sind wir vorwiegend mit Telefonaten an die Versicherungen und Besuchen auf dem Polizeiposten und Konsulat beschäftigt. Und schliesslich muss all das verlorene Material wie Velotaschen, Necessaires, Kleider, Stirnlampen und und und wieder beschafft werden. Zum Glück befinden wir uns in einer Grossstadt und Outlet- und Outdoorgeschäfte reichen sich die Hand.

Es bleibt gerade noch genügend Zeit, die neuen Kleider in den letzten Stunden vor unserer Abreise einem Waschgang zu unterziehen, ehe wir morgens um vier Uhr am Airport von Los Angeles vor dem TACA-Airline Schalter stehen. Zu unserem Ärger will die Airline unsere gut – allerdings nicht in Kartonboxen – verpackten Räder nicht mitnehmen. Nachdem wir, zur Freude der anderen Passagiere, während rund eineinhalb Stunden den Schalter Nummer 3 blockiert haben und bereits den Flug abblasen wollten, erklärt sich der Supervisor der Airline doch noch bereit, unsere Räder in diesem Zustand mitzunehmen.

Supervisoren gibt es hier in Amerika übrigens wie Sand am Meer und keine Dienstleistungsstelle kommt ohne sie aus. Wir hatten schon viele lustige Begegnungen mit ihnen. Sie werden zum Beispiel im Supermarkt von der Kassiererin herbeigerufen, wenn man beim Bierkauf einen Schweizer Pass vorweist und die Kassiererin darauf besteht, dass nur ein amerikanischer Pass zum Bierkauf berechtigt.

Endlich sitzen wir in der Reihe 27 und der Notausgang befindet sich genau neben uns, wenn das kein gutes Omen ist! Die Türen schliessen und wir lassen Nordamerika mit all den tollen Menschen, schönen Landschaften und super Visoren hinter uns. Bald werden uns verschrumpelte Miniwürstchen und Rührei in Milch und serviert und wir lachen über die erneute Lektion „Qualität hat seinen Preis“.

Nach drei Flügen mit Zwischenstopps in San Salvador und Lima treffen wir nach einundzwanzig Stunden und zwei durchzechten Nächten um fünf Uhr Ortszeit in Buenos Aires ein. Die allergrösste Sorge gilt in diesem Moment unseren zwei Rädern, ob sie die Reise unbeschadet überstanden und mit uns den Weg nach Buenos Aires gefunden haben? Beim Gepäckförderband warten wir auf unsere Fahrradtaschen, die wir in zwei Plastiktüten gestopft und mit zwei Rollen rotem Tape zu zwei Gepäckstücken geformt haben. Sie sind hier zwischen Kartonschachteln und anderen Plastiktaschen in guter Gesellschaft. Unverhofft taucht ein uns bestens bekannter Stahlrahmen zwischen den „Koffern“ auf dem Förderband auf und nimmt bei der ersten Kurve Reissaus. Das zweite macht es ihm gleich. Wir können es kaum fassen, unsere Räder sind HIER! Und noch viel wichtiger ist, sie haben die Reise schadlos überstanden.

Jetzt gilt es noch einen Taxifahrer zu finden, der bereit ist uns mit unserem „Pagasch“ in unser Hotel in die Innenstadt zu befördern, wo hoffentlich ein weiches Bett auf uns wartet. Ersteres gelingt bestens, zehn Minuten später sitzen wir in einem Kombi und nach einer dreissigminütigen, rasanten Fahrt finden wir uns in unserem Hotel in der Innenstadt wieder. Der Pförtner hat weniger gute News für uns, das Hotelzimmer sei erst um zwei Uhr bezugsbereit und die Taschen lassen sich vor acht Uhr nirgends einstellen. Mein Versuch, auf Spanisch nachzuhacken, scheitert kläglich. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns auf den zwei äusserst unbequemen Designersofasesseln einzurichten und zu hoffen, dass die Minuten in diesen Stunden etwas schneller verstreichen. Vier Stunden und unzählige Positionswechsel später halten wir es nicht mehr aus, wir bringen unser Gepäck an der Rezeption unter und verlassen die Kühlbox fluchtartig. Kaum haben wir den ersten Fuss vor die Hoteltür gesetzt, bereue ich diesen Entscheid bereits wieder. Heisse Luft schlägt uns entgegen und nach dem kurzen Gang bis zum nächsten Häuserblock bahnen sich die ersten Schweisstropfen ihren Weg den Rücken hinunter. Die Kombination aus Wut über den Gepäckdieb, der mir all meine kurzen Hosen gestohlen hat, unendlicher Müdigkeit und Hitze macht mich fertig, ich bin am Ende! Vier unendlich lange Stunden später können wir endlich unser Hotelzimmer beziehen und fallen todmüde in unser Bett. Für das Abendessen raffen wir uns noch kurz auf, danach fallen wir bis zum nächsten Mittag in einen Dornröschenschlaf.

Am nächsten Tag verabreden wir uns mit Martin, dem Schweizer, den wir in Lompoc kennen gelernt haben und der mittlerweile sein Rad verkauft hat und eine Sprachschule in Buenos Aires besucht. Er zieht mit uns in den kommenden drei Tagen durch die Stadt und zeigt uns viele Sehenswürdigkeiten und spannende Ecken. Gemeinsam entdecken wir alte Juwelen dieser Stadt. Wunderschöne Gebäude im französischen Stil verbergen sich hinter den bröckligen Fassaden und erinnern an die Blütezeit von Buenos Aires vor gut hundert Jahren. Diese ist leider einer gewissen Melancholie und Traurigkeit gewichen, die meisten Gebäude bräuchten dringend eine Renovation, aber das Geld fehlt an allen Ecken und Enden und ganze Stadtteile lottern vor sich hin. An jedem Tag wird irgendwo demonstriert, einmal sind es die Lehrer, die bessere Arbeitsbedingungen fordern, dann sind es die Hinterbliebenen der Opfer der Militärdiktatur, die auf einen gerechten Prozess hoffen. An einem Nachmittag nimmt uns die Schulleiterin von Martin auf eine Führung durch La Boca, eines der ärmsten Quartiere von Buenos Aires, mit. Streunende Hunde wühlen hier im Müll, der seit Tagen nicht abgeholt wurde, verlassene Baustellen und Blechhäuschen prägen das Bild genau so wie alte Holzhütten, die einer schlechteren Scheune gleichen. Drei Jungs, wohl kaum älter als zehn, passieren vor uns den Fussgängerstreifen und schnüffeln im Gehen Leim aus Plastiktüten. Die Armut ist in La Boca allgegenwärtig und steht im krassen Kontrast zu unserem Quartier, in dem trendige Restaurants wie Pilze aus dem Boden schiessen und sich schöne Cafés mit modernen Kleiderläden abwechseln. Hier in La Boca ist leider nicht nur für den Bus Endstation. Die Gesichter dieser drei Jungen haben sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Bevor wir die Stadt der Gegensätze verlassen, besorgen wir uns vor unserer Abreise nach Ushuaia in einem Bikeshop noch zwei Kartonboxen, die wir durch ganz Buenos Aires schleppen. Wie die Stadt selbst hat auch das ganze Land viele verschiedene Gesichter. Wir sind gespannt, was uns im Süden erwartet.

Nach Stunden über dem Wolkenmeer tauchen plötzlich Schneeberge unter uns auf, der Pilot kündigt die bevorstehende Landung in Ushuaia an, es herrschen kühle acht Grad. Das nenn ich mal einen Hochsommer, da kann ich meine neu erworbenen kurzen Hosen wohl gleich wieder zu unterst in der Tasche verstauen.

Ushuaia – el fin del mundo. Wir fühlen uns in diesem Moment aber so sehr Zuhause, wie seit Monaten nicht mehr. Unsere Freunde Hagi und Joelle aus der Schweiz, die mit ihrem VW-Bus (travel2explore.ch) Südamerika bereisen, holen uns vom Flughafen ab.

Der Parkplatz liegt neben einer saftigen Wiese mit „Soistöck“ und Kleeblättern, im Hintergrund die Berge mit den weissen Häubchen, jetzt fehlt nur noch das Kuhgebimmel. Das Büssli platzt mit vier Passagieren, zwei Fahrrädern, unzähligen Radtaschen und einem Hund aus allen Nähten, zum Glück wurden wir in San Diego um einige Kilo Gepäck erleichtert.

Am Abend zeigen uns unsere Freunde gleich mal, was sie outdoormässig alles drauf haben. Sie zaubern uns auf dem Feuer ein perfekt grilliertes und butterzartes Willkommens – Rindsfilet und wir backen in ihrem Ofen über dem Feuer gemeinsam Brot für den nächsten Morgen. Da wird uns so warm ums Herz, dass selbst die Kälte vom Ende der Welt uns nichts anhaben kann. Richtig ungemütlich wird es denn auch erst am nächsten Tag, dunkle Wolken ziehen auf und Regen setzt ein, ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden Tage. Ein Grüppchen heimischer Radfahrer kommt auf der Suche nach Reparaturwerkzeug bei unserem Platz vorbei. Im Gespräch finden wir heraus, dass sie den diesjährigen Sommer und die herrschenden Temperaturen ganz toll finden. Das kann ja heiter werden. Wir entfliehen der Nässe und machen einen Ausflug in die Stadt und erkundigen uns über die zehntägige Antarktis-Bootstour, mein grosser und nicht ganz günstiger Traum. Nach langem Diskutieren entscheiden wir uns gegen die Reise zum ewigen Eis, würde diese doch acht Tage stürmische See und Übelkeit mit sich bringen – ein hoher Preis für einige Pinguine und etwas Eis.

Eisig wird es am nächsten Tag dennoch, wir unternehmen eine Wanderung zum Gletscher, dieser ist zwar mehr Schnee-, denn Eisfeld, aber Bella, die Hündin, findet es hier trotzdem zu kalt und meine Nase dankt mir den kleinen Ausflug mit Schnupfen.

Auf dem Rückweg setzt erneuter Regen ein, diesen werden wir aber für die nächsten Tage nicht mehr los und unsere drei Regentage seit Reisebeginn werden innert sieben Tagen auf zehn erhöht. Wir finden es denn auch ganz toll, dass wir im Bus mitfahren dürfen. Regnet es mal für einen Moment nicht, zieht ein starker Wind auf. Wie sollen wir hier Rad fahren? Von der Landschaft bekommen wir in diesen Tagen wenig mit, sieht man doch meist nur einige Meter weit.

 

Der VW-Bus ist ein kleines Platzwunder, an der Grenze zu Chile gabeln wir noch einen amerikanischen Tramper auf, dieser quetscht sich mit seinem Rucksack zwischen unseren Rädern und der Rückbank auf den Boden. Von Feuerland geht es nach Patagonien. Am Abend lernen wir in einem Restaurant im verschlafenen Städtchen Porvernir Fredi kennen. Der Schweizer ist von Ushuaia her zu Fuss unterwegs in Richtung Santiago de Chile und hat sich zum Ziel gesetzt, keinen Meter mit einem Fahrzeug zurückzulegen. Wir bewundern Fredis Durchhaltewillen und seine Pläne sehr, nimmt er seit drei Wochen doch täglich 50 Kilometer unter die Füsse und dies bei widrigsten Wetterbedingungen. Er ist denn auch äusserst froh um die Bepanthencrème, die ihm Joelle zur Behandlung seiner aufgerissenen Lippe schenkt. Wir würden den liebenswürdigen Fredi gerne gegen den nervigen Texaner eintauschen, aber dieser lässt sich nicht abwimmeln.

Bei uns schlägt das miese Wetter langsam aber sicher auf die Stimmung und die zweistündige Fährfahrt nach Punta Arenas trägt den Rest dazu bei. Wir sitzen im Bauch des Fährschiffs, der enge Raum ist viel zu warm, stickig und bis auf den letzten Platz besetzt. Kaum sind wir auf offener See, beginnt es zu schaukeln und die Wellen schlagen an die Fensterfront. Die anfängliche Aufregung und Faszination weicht bald allgemeinem Unwohlsein. Die Kinder beginnen zu weinen und die Erwachsenen rutschen unruhig auf den Sitzbänken hin und her. Das Gesicht des Kleinkindes im Nachbarabteil wird zusehends bleicher. Sekunden später breitet sich ein säuerlicher Duft im Raum aus. Ich hoffe nur noch, dass diese Fahrt zu einem baldigen Ende kommen möge. Wieder an Land, bin ich unendlich froh, sicheren Boden betreten zu können und nicht auf einer fünftägigen Fahrt zur Antarktis zu sein.

In Punta Arenas ist es uns selbst für den Stadtbummel zu nass, deshalb entscheiden wir uns nach einem Pit-Stop im Supermarkt zur Weiterfahrt. In den nächsten Stunden kämpft sich der Bus auf holprigen Nebenstrassen durch den Regen. In den wenigen trockenen Minuten lässt sich erahnen, wie schön die Landschaft mit den grünen Wiesen, Hügeln und Berge im Hintergrund eigentlich wäre.

Am Abend erreichen wir die kleine Siedlung Rio Verde mitten in der Pampa. Die frisch geweisselten Häuschen sind von gepflegten Blumen- und Gemüsebeeten umgeben. Doch nirgends brennt ein Licht, weder das Hotel noch das Restaurant sind offen, keine Menschenseele ist hier auszumachen. Es macht den Eindruck, als wäre diese Siedlung vor Kurzem Hals über Kopf verlassen worden. Zurückgeblieben sind einzig die Hunde, die traurig um unser Auto streichen. Ein kleines, rundes Häuschen, das etwas abseits steht, weckt unser Interesse. Die Türe steht weit offen und wir riskieren einen Blick ins Innere. Wir entdecken einen urchigen Raum, in dessen Mitte eine riesige Feuerstelle liegt, die umgeben ist von Holztischen mit Bänken.

Nach langem Herumstöbern im Geisterdorf treffen wir dann doch noch auf drei Männer, die in einer Werkstatt hantieren. Von ihnen erfahren wir, dass dieses Häuschen der Gemeindegesellschaftsraum sei und wir hier wahrscheinlich schon übernachten dürfen. Wir lassen uns nicht zweimal bitten und nehmen das Hüttchen ein. Es wird kräftig eingeheizt und bald verwandelt sich der kalte Raum in eine wohlig warme Stube. So kommt es, dass wir unser argentinisches Fondue, das eher an eine Gerberkäsli-Rahmmischung erinnert, in einer sehr schweizerisch anmutenden Waldhütte geniessen. Nach einer angenehm warmen und trockenen Nacht auf dem Fussboden der Hütte erwachen wir am nächsten Morgen ob des Traktorenlärms direkt hinter dem Häuschen. Landwirte transportieren die zwei toten Pferde ab, über deren Fleisch sich die Hunde in der Nacht hergemacht haben. Auch für uns ist es an der Zeit, diesen gespenstigen Ort zu verlassen. Nach einer kurzen Fitnesseinheit in der total verschimmelten Turnhalle nebenan machen wir uns vom Acker.

An diesem Morgen giesst es wieder aus Kübeln und wir sehnen uns nach einer warmen Dusche. Im nächsten Städtchen, Puerto Natales, suchen wir uns deshalb ein warmes Plätzchen in einem Hostel.

Erholt machen wir uns am Folgetag auf den Weg in Richtung Nationalpark Torres del Paine. Es gibt sie doch, die chilenische Sonne! Endlich vermag sie sich mal gegen die dunklen Wolken durchzusetzen. Wir schalten in einem Wäldchen auf halber Strecke einen Backtag ein und zaubern im Backofen über dem Feuer Brot, Brownies und Mailänderli.

Da die Welt über Nacht nicht untergegangen ist, fahren wir an den Rand des Nationalparks Torres del Paine. Dort haben wir beste Sicht auf die spitzigen Felsen, nach dessen Name der Park benannt ist.

Am angrenzenden Fluss versuchen unsere Männer ihr Fischerglück, aber leider sind sie nicht halb so gut wie die Frauen in der Backstube. Zum Znacht gibt es deshalb Älplermaggronen und die Jungs grillieren schlussendlich Kuhrippli, die sie dem Bauer abgekauft haben. Leider schmeckt das Fleisch so penetrant nach Kuh, dass kein Zweibeiner mehr als einen Bissen hinunterwürgen kann. Der Rest des Tieres wird den Hunden auf dem Hof verfüttert, Bella und ihre neuen Kollegen haben ihre helle Freude daran. Am nächsten Tag geht es zurück nach Argentinien ins Städtchen El Calafate. Dort decken wir uns im Supermarkt für die anstehenden Weihnachtstage mit Essen ein und fahren am drauffolgenden Tag an einen wunderschönen See (Lago Roca) mit Aussicht auf die Schneeberge und den weltberühmten Gletscher Perito Moreno.

Noch einmal legen wir einen Backtag ein und diesmal helfen auch die Jungs kräftig mit. Für die Brunsli müssen 250 Gramm Mandeln Stück für Stück von Hand gerieben werden und das Eiweiss mit dem Schwingbesen zu Schnee geschlagen werden. Damit kann man locker zwei Männer einen halben Tag beschäftigen. Zu den Brunsli gesellen sich bis zum Abend noch Mandelapriköschen, Kokosmakrönchen, Cornflakesschoggihäufchen, Empanadas, Brot und Pizza. Weihnachten kann kommen.

 

Am 24. Dezember zeigt sich Patagonien von seiner allerschönsten Seite und wir geniessen am Abend bei Sonnenschein im T-Shirt ein ausgezeichnetes Winzerfondue.

 Auch der Weihnachtsbaum, in diesem Jahr auf Papier gezeichnet, und die Wichtelgeschenke fehlen nicht. Ich bekomme ein Weinglas geschenkt, endlich darf ich mal wieder Wein aus einem Glas trinken, wenn das kein Freudetag ist! Am Weihnachtstag unternehmen wir eine Wanderung auf einen der umliegenden Berge, es geht über kleine Schnee- und Geröllfelder steil bergauf. Auf dem Gipfel bietet sich uns ein herrlicher Panoramarundblick. Mein Formtief steht wohl in engem Zusammenhang mit den vergangenen Wochen des Nichtstuns, am nächsten Tag schmerzen die Oberschenkel und Wädli, die mich schon fast auf dem Berg übernachten liessen, höllisch.

 

Als wir am Abend zu unserem Gratiscampingplatz zurückkehren, sind wir von argentinischen Familien und Teenagern umgeben, die den Weihnachtstag zum Partytag erklärt haben. Auf dem Feuer werden ganze Lämmer grilliert und die einzelnen Gruppen versuchen sich mit lauter Musik aus den Autoradios gegenseitig zu übertreffen. Weihnachten auf argentinisch. Wir fühlen uns dennoch ganz wohl hier und entscheiden uns trotz knapp werdender Vorräte  dafür, einen weiteren Tag am Lago Roca anzuhängen. In diesem Augenblick kommt ein argentinischer Nachbar vorbei und überreicht uns einen grossen, selber gefangenen Fisch. Wir können unser Glück und die Herzlichkeit unserer Nachbarn kaum fassen. Mit Glühwein, lauter Musik und einem Fisch im Kühlschrank geht ein unvergessliches Weihnachtsfest zu Ende.

 

Wir hoffen, euer Weihnachtsfest war genauso schön.

Wir wünschen euch schöne Weihnachtsferien und alles Gute für das neue Jahr. Ab dem 2. Januar trifft man uns wieder auf dem Rad an. Mal schauen, was meine Wädli dazu meinen.

Info:
Bilder: Patagonien

 

 

 

 

 

 

One thought on “Am Ende der Welt

  1. Fernando
    7 Januar, 2013 at 16:24

    Un montón de aventuras! Espéro que en 2013 tienen más sol y menos ladrones. Mucha suerte.

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