Adios, chao und hoffentlich hasta luego

Bereits am Mittag treffen wir in Santa Rosa ein und es bleibt genügend Zeit, um mit dem öffentlichen Bus zu einer der vielen heissen Quellen in der Umgebung zu fahren. Im Bad herrscht an diesem Samstagabend ausgelassene Stimmung und dichtes Gedränge. Immerhin ist der Wasserfall, der direkt ins Becken fliesst, imposant. Auf dem Rückweg verliert Sven die Badehose und bei mir macht sich ein grippeähnlicher Zustand mit starken Kopfschmerzen und Hitzewallungen breit.

Hab ich mir in diesen zwei Stunden tatsächlich einen „Käfer“ eingefangen, der sich bereits bemerkbar macht? Möglich wäre es durchaus, haben die werten Architekten dieses Bades doch tatsächlich vergessen, Duschen einzurichten – ob ich Herrn Botta vorsorglich einen Brief schreiben sollte? Wer weiss, was in der warmen, braunen Brühe alles schwamm?

Juan, der Hostelbesitzer hätte Sven gerne in den Ausgang mitgenommen, aber auch er macht schlapp. Der Verlust um die verlorene Lieblingsbadehose sitzt tief. Die Party findet mal wieder ohne uns statt.

Bei unserem sonntagmorgendlichen Frühstück gesellt sich der frisch aus dem Ausgang zurückgekehrte Juan zu uns an den Tisch und sinniert bei Wein und Joint über Gott und die Welt. Ich versuche bei Tee und Müesli und mit ebenfalls dröhnendem Kopf seinen tiefgründigen Gedanken, erzählt in nicht ganz schwindelfreiem Spanisch, irgendwie zu folgen. Nach dem letzten Bissen Müesli ist mir klar, dass ich es heute ohne Doping nicht mal die Treppe runter bis zur Strasse schaffe. Zugedröhnt mit Schmerzmittel, aber immerhin ohne Bass im Kopf geht’s auf den Weg. Gnädigerweise meint es die Route heute gut mit mir und der Tag wird nicht so zähflüssig wie befürchtet.

Bis nach Irra wollten wir es schaffen. Der Name ist bei unserer Ankunft Programm. Wir landen mitten in einem aufgebrachten Wespennest. Auf dem Dorfplatz hat sich eine Menschentraube um einen Mann mit Mikrofon gebildet, der lauthals seine Meinung kund tut. Die Stimmung ist aufgeheizt, seine Rede wird von Zwischenrufen und Klatschen begleitet. Wir fahren an den zwei Hotels, die an der Strasse liegen, vorbei, in der Hoffnung es würde noch ein drittes folgen. Als wir beratend an der Tankstelle stehen, eilen uns zwei gut gekleidete Kolumbianer entgegen und fragen uns in bestem Englisch nach unseren Plänen. Als wir ihnen sagen, wir wollten hier übernachten, winken sie sofort ab, mit der Begründung, dass es hier für Ausländer nicht genug sicher sei. Sie empfehlen uns bis zur nächsten, zwanzig Kilometer entfernten Ortschaft zu fahren. Zum Glück sind wir früh dran und uns bleibt genug Zeit um ihrem Rat zu folgen. Nach einigen Kilometern Fahrt dem Fluss entlang entdecken wir am Strassenrand ein hübsches Hotel mit wunderbarem Restaurant.

Kondom und Zahnpasta liegen im Zimmer bereit und ein Aktbild einer Frau hängt an der Wand. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir mal wieder in einem jener Hotels gelandet sind, die normalerweise von Männern und Prostituierten als Lustlaube genutzt werden. Blitz und Donner rauben uns in dieser Nacht den Schlaf.

Als wir am Morgen aufwachen, haben sich die Regenwolken zu unserer Überraschung aber bereits wieder verzogen. Wir folgen dem Flusslauf und erreichen nach dreissig Kilometern das letzte Dörfchen vor dem 45 Kilometer langen Anstieg. In einer typisch kolumbianischen Bäckerei stärken wir uns mit Marmorcake, die bunt glasierten Torten überlassen wir den Einheimischen. Während der erste, flache Teil weitgehend im Schatten lag, sind wir beim Bergsteigen voll der Sonne ausgesetzt. Die Temperatur von 32 Grad vermag die Schweisstropfen in Rinnsale zu verwandeln. Erneut treffen wir Radler „on the road“. Zwei kanadische Boys kommen dahergeflitzt. Sie sind von Vancouver bis nach Panama geradelt und nach der Überquerung des Panamakanals mit dem Bus nach Medellín gefahren, ehe sie da ihre Radreise fortsetzten. Leider wurde ihr Nachtbus auf der Überlandfahrt von einer Truppe schwer bewaffneter Guerillas angehalten und ausgeräumt. Zum Glück ist niemand verletzt worden.

Wir haben jetzt schon viele Geschichten dieser Art gehört und hoffen, dass uns Solches und Ähnliches erspart bleibt. Die Erzählung ruft uns in Erinnerung, dass wir  in einem Land unterwegs sind, das nach wie vor einige gefährliche Gebiete kennt. Wir versuchen auch in Zukunft die Lage sorgfältig abzuchecken und unsere Fühler auszustrecken. Und nicht zuletzt hoffen wir, dass das Glück auf unserer Seite ist, auch wenn wir uns nicht einfach auf dieses verlassen wollen.

Tritt für Tritt geht es bergauf, die Umgebung ist saftig grün, wilde Wiesen und tropische Pflanzen säumen den Weg. Ab und an eröffnet sich uns ein herrlicher Blick zu den gegenüberliegenden Bergen. Sven ist bereits hinter der nächsten Kurve verschwunden, als ein Motorradfahrer neben mir abbremst und mir offeriert, an seinem Gepäckträger anzuhängen. Als ich abwinke und er Sven erblickt, der von oben angefahren kommt, entschuldigt er sich noch bei ihm und braust davon. Ich bereue meine Entscheidung im Verlaufe des Tages noch einige Male.

Gegen Mittag kommt ein leichtes Hungergefühl auf und für einmal ist weit und breit kein Restaurant in Sicht. Das Gebiet ist gering besiedelt, die Bevölkerung arm. Einige Bewohner haben vor ihrem – mehr Hütte als – Haus einen Marktstand aufgestellt. Dort verkaufen sie all die deliziösen, exotischen Früchte, die hier wachsen. Das riesige Angebot steht in keinem Verhältnis zur Nachfrage. An jenem Stand, den wir für unseren Pitstop auswählen, gibt es sogar frisch gepresste Fruchtsäfte. In wenigen Minuten verdrücken wir 1,5 Liter Lulo- und Guayabasaft. Nach dieser herrlichen Erfrischung vergehen die letzten zehn Kilometer bis zum Bergstädtchen Santa Barbara wie im Fluge. Ausser des Namens erinnert uns wenig an jenes Santa Barbara in Kalifornien. Die in den Hang gebauten, unverputzten, oft unvollendeten Backsteinhäuschen und die schmalen Gassen sind jedoch ganz typisch für die Region. Die Menschen, die hier leben, werden Paisas genannt. Während der Conquista blieb die Bevölkerung in dieser bergigen, schwer zugänglichen Gegend weitgehend unabhängig von der Kultur der Spanier. Die Paisas gelten unter den Kolumbianern als sehr produktives, unternehmerisches und sparsames Volksgrüppchen. Sie sprechen Spanisch mit einem Akzent, der für uns äusserst schwierig zu verstehen ist.

Da auch heute wieder ein kolumbianischer Feiertag ist, hat sich die Stadt in einen Kilbiplatz verwandelt. Bei unserer Ankunft wollen uns verschiedene Einheimische helfen, ein Hotel zu finden. Jeder kennt ein noch besseres, aber leider sind sie alle für diese Nacht längst ausgebucht. So landen wir natürlich wieder einmal in einer Herberge, die schon aussen über ihr Innenleben Aufschluss gibt. Ein Glück, dass die Kolumbianer einen ausgeprägten Sinn für Sauberkeit haben und sich auch für die Reinigungsarbeiten in der grössten Absteige viel Zeit nehmen. Überhaupt sind die Kolumbianer ein sehr reinliches Volk, in beinahe jedem Restaurant würde ich vom Boden essen – und das will was heissen! Da könnten die US-Amerikaner noch mächtig was dazulernen. In einem Strassencafé beobachten wir das bunte Treiben auf dem Dorfplatz und lassen den Abend ausklingen.

Am Frühstückstisch kommen wir mit einer jungen Kolumbianerin ins Gespräch und zwei Welten prallen aufeinander. Sie kann nicht verstehen, dass wir in unserem Alter keine Kinder haben. In den ländlichen Gebieten Kolumbiens bringt jede Frau mit spätestens zwanzig ihr erstes Kind zur Welt. Auch unsere Art zu reisen bereitet ihr Kopfzerbrechen. Sie will wissen, ob wir keine Angst vor den Guerillas haben. Sollten wir denn? Sie bleibt uns die Antwort schuldig.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl begeben wir uns auf das letzte Teilstück nach Medellin. Wir erreichen die Stadt aus dem Süden. Unsere Unterkunft liegt auf dieser Stadtseite im Quartier Poblado, welches als sicher gilt. Hier befinden sich all die Hostels, teuren Hotels und die Zona Rosa, welche sich in den letzten Jahren zur Restaurant- und Ausgangsmeile gemausert hat.
Einst war Medellin das Machtzentrum des skrupellosen Drogenbarons Pablo Escobar, Anführer des damals mächtigsten Drogenkartells der Welt. Er und sein Medellin-Kartell hatten in den 80er und 90er Jahren mit ihrer Brutalität und ihrem Geld die Region und beinahe ganz Kolumbien in den Abgrund getrieben. Schliesslich wurde der Drogenmafia der Kampf angesagt und Escobar 1993 von einer US amerikanischen/kolumbianischen Spezialeinheit bei einer Razzia in Medellín zur Strecke gebracht. Langsam versuchte sich die Stadt zu erholen. In den letzten Jahren wurde in Medellín viel Geld in öffentliche Einrichtungen wie zum Beispiel das Metrosystem, Museen, Schulen, Bibliotheken, Seilbahnen und die 28stöckige Rolltreppe durch das Armenviertel Comuna 13 investiert. Im Januar 2013 wurde die Stadt Medellín, der in den letzten Jahren eine unglaubliche Transformation gelang, gar zur innovativsten Stadt der Welt gekürt.
Im Barrio Poblado erinnert nichts mehr an die schreckliche Vergangenheit. Mit teuren Schlitten fahren die wohlhabenden Einwohner bei den trendigsten Restaurants vor. Chick gekleidete Frauen mit üppigem Silikonvorbau nippen lässig an ihrem Mojito. Dies ist die Sonnenseite der Stadt Medellín, die wegen ihres milden Klimas auch Stadt des ewigen Frühlings genannt wird. Die andere Seite beginnt einige Metrostationen weiter nördlich. Viele Menschen, die dort zu Hause sind, kämpfen täglich ums Überleben. Die Kriminalität hat in den letzten drei Jahren wieder stark zugenommen. Tag für Tag sterben hier fünf Menschen eines gewaltsamen Todes. In Poblado lassen sich die Armut und das Elend weiter Teile dieser Stadt nur erahnen. Kinder jener Viertel versuchen mit kurzen Tanzeinlagen vor dem Rotsignal den Autofahrern einige Pesos zu entlocken.

Wir verzichten bei unserem Aufenthalt in Medellín darauf, uns in die Elendsviertel vorzukämpfen, im Wissen darum, dass diese Stadt zwei Gesichter hat und wir nur das eine kennen lernen. Wir wollen nicht mit der Seilbahn über die Armenviertel fahren und uns das Elend anschauen wie die Tiere im Zoo. Wir hoffen aber, dass die Menschen hier nie aufgeben für eine bessere Welt zu kämpfen und der Frühling irgendwann in allen Quartieren dieser Stadt Einzug hält und sie erblühen lässt.

Medellin lässt uns schlussendlich doch nicht so einfach davonkommen. Um im Norden aus der Stadt zu gelangen, müssen wir diese Armenviertel durchqueren. Wir fahren dem Fluss entlang vorbei an den unzähligen Kartonbehausungen der Obdachlosen. Die Hochhäuser des Stadtzentrums werden kurze Zeit später von heruntergekommenen Häuschen abgelöst. Müll liegt auf der Strasse,

 es stinkt gewaltig. Im Norden hat sich die Stadt wie ein Geschwür immer weiter die Hügel hochgefressen. Wir fahren unter der Seilbahn durch, für Sekunden gehören auch wir zum Zoo. Zwischen den Backsteinhütten gibt es kleine Hoffnungsschimmer, hier eine fein duftende Bäckerei mit einigen Tischchen im Freien, dort ein Restaurant. Bald gelangen wir auf die Schnellstrasse, nun trennt uns Stacheldraht vom Elend. Die Menschen  auf der anderen Seite können davor nicht einfach wegrollen.

Nach dem gemütlichen Einstieg zweigt die Panamericana unverhofft ab und führt steil den Berg hoch. Mal wieder ist Klettern angesagt. Die Landschaft ist relativ unspektakulär, fast schon langweilig gesittet, grün, Wiesen. Viele schöne Häuser und Fincas liegen am Hang. Auf unserer Weiterfahrt entdecken wir an der Strasse ein schönes Fincahotel und entscheiden zu bleiben und den Nachmittag in der Hängematte zu geniessen.

Am anderen Morgen beim Frühstück setzt Regen ein. In der ersten Stunde sind wir mit Regenmontur unterwegs, ehe der Himmel aufreisst. Die Landschaft verändert sich kaum, Weiden und viele Kuhherden sind Programm. Wir kommen an einigen winzigen Bergdörfchen vorbei, nichts Sehenswertes, aber auch nicht besonders hässlich. Heute steigen wir zum allerletzten Mal auf unserer Reise über einen Andenpass (2800 m.ü.M.). Am Abend folgt ein weiterer Anstieg zum Zielort Yarumal.

Die Stadt platzt bei unserer Ankunft aus allen Nähten. Es ist Semana Santa und ganz Kolumbien scheint hier Ferien zu machen. Beim Abendessen auf der Veranda eines Restaurants kommen wir in den Genuss einer Prozession. Die Menschen verfolgen diese vom Strassenrand aus, es herrscht dichtes Gedränge, vielleicht ähnlich wie bei uns an einem Fasnachtsumzug. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei und die Menschen lassen den Abend in den Bars, Discos und Restaurants ausklingen.

Den Ostermorgen beginnen wir wie immer mit Rührei und Reis und einem kurzen Aufstieg. Die Schoggi gibt’s danach in Form einer 45 Kilometer langen Abfahrt. Osterstau herrscht auch auf Kolumbiens Strassen, aber weit belastender sind der dichte Nebel und die Armut, die sich uns hier offenbaren.

Am Strassenrand betteln Männer, Frauen und Kinder mit Schüsselchen um Essen. Sie leben in Hütten aus schwarzen Plastikplanen. Einige Frauen sind damit beschäftigt, die Kleider der Familie vor dem Haus in einem improvisierten Waschtrog aus Lastwagenpneus zu schrubben. Die gewaschenen Kleider werden am Strassenrand auf dem Teer zum Trocknen ausgelegt.

Im Tal erwarten uns drückende Hitze und ein brauner, breiter Fluss. Plötzlich raschelt es neben uns im Gebüsch und  ein zirka fünfzig Zentimeter langer Iguana setzt zum Spurt an. Ehe er verschwunden ist, taucht bereits der nächste auf, auch er ergreift bei unserem Anblick sofort die Flucht. Die Einheimischen erweisen sich als weit weniger scheu. Einer begrüsst uns mit „Asshole“, der nächste ruft uns „Hello my friends“ zu, die meisten grüssen aber einfach mit „Buenas“. Wir erleben die Kolumbianer als äusserst gastfreundlich und offen gegenüber Fremden. Da bildet auch das Militär keine Ausnahme. Die Militaristen an den zahlreichen Kontrollposten winken uns immer begeistert zu.

Eine Radlerin aus den USA und ein Radler aus Frankreich kommen uns am Nachmittag entgegen und wir nutzen den Moment für eine längere Pause. Kurze Zeit später knacken wir die Zehntausendermarke. Wenn das mal kein Ostergeschenk ist!

Es ist morgens um neun und das Thermometer zeigt 35 Grad. Was für ein Prachtstag! Wir fahren dem braunen, wohl von Fäkalien und anderem Übel verschmutzten Fluss entlang. Fischer legen auf Marktständen am Strassenrand ihren Fang – schwarz weiss gestreifte Riesenfische – aus und hoffen auf Abnehmer. Zehn Stände, zehn Mal das gleiche Produkt. Das kennen wir bereits von anderen Streckenabschnitten. Ob Mangos, geflochtene Körbe oder Hängematten, Hauptsache alle Nachbarn sind sich einig und bieten das exakt gleiche Produkt an. Mittlerweile ist es 39 Grad und wir sind dem Kollaps nahe. Im Restaurant wird uns Suppe serviert. Heisse Suppe. Fischsuppe. Zu wissen, woher der Fisch kommt, würde eigentlich bereits genügen, zu allem Überfluss ist sein Fleisch auch noch schleimig und mir der Appetit längst vergangen. Wir schleppen uns noch ins drei Kilometer entfernte Städtchen und kapitulieren. Im Hotel hüpfen wir unter die kalte und dennoch viel zu warme Dusche und warten, bis die letzten Schweisstropfen versiegen. Jetzt bloss nicht mehr bewegen und den Ventilator auf höchste Stufe schalten.

Über Nacht vermochte der Regen die Temperaturen auf erträgliche Werte zu drücken und wir stellen am Morgen erleichtert fest, dass der Himmel nach wie vor grau ist. Der Tag bringt indessen nicht viel Neues. Stattliche Landgüter wechseln sich mit Bruchbuden ab. Auf und neben der Strasse hat es viele tote Tiere, darunter Kühe, Hunde, Schlangen und Vögel. Es macht sich ein starker Verwesungsgeruch breit. Als die Sonne langsam den Himmel aufreisst, sind wir froh um die Schatten spendenden Alleen. Es ist eine lange, zähe Fahrt ohne viel Abwechslung und wir sind überglücklich, als wir am schmutzigen Zielort ein sauberes Tankstellenhotel aufspüren.

 Doch jetzt, so kurz vor dem Ziel kommt noch einmal Action in unsere Reise. Wir machen einen kleinen Abstecher zu einer Freundin eines Kollegen von Sven, die mit ihrer Familie auf einer Finca wohnt. Die neunzig Kilometer lange Fahrt dorthin ist einmal mehr eine schweisstreibende Angelegenheit. Die Temperaturen bewegen sich in diesem Tal das ganze Jahr hindurch zwischen 27 und 45 Grad. Die Hitze macht auch unseren Schwalben arg zu schaffen, mittlerweile sind alle vier mit der Vogelgrippe infiziert und unsere „Pflästerli“ nützen nichts mehr. Zu allem Überfluss reiht sich heute noch ein Speichenbruch in die Serie ein. Ob wir es noch bis ins drei Tage entfernte Cartagena schaffen? Es ist die Zeit des Abschied nehmen, auch Sven’s Flip Flops, die kurz davor standen, ins Museum überführt zu werden, haben das Zeitliche gesegnet. Da trifft es sich ausgezeichnet, dass wir heute im Dorf der Sandalen und Flip Flops landen. Wäre ja gelacht, wenn wir in keinem der fünfzig Läden neue finden würden.

Auf dem Landweg, der zu einem kleinen Dorf und später zur Finca führt, steht das Leben für Sekunden still und die vorbeifahrenden Gringos werden argwöhnisch begafft. So muss es den Spaniern ergangen sein, als sie den ersten Fuss auf das amerikanische Festland setzten. Und wir sind ungefähr gleich willkommen, obwohl unbewaffnet. Es geht vorbei an topmodernen Fincas und schliesslich erblicken wir die Schweizerfahne, die am Tor eines Landgutes befestigt wurde, um uns den Weg zu weisen.

 Das Empfangskomitee bestehend aus Sandra, ihrem Vater und der dreiköpfigen Familie, die im Nebenhäuschen lebt und für die Familie das drei Hektaren grosse Land und das Haus in Schuss hält, bereitet uns einen warmen Empfang. Verschwitzt und dreckig wie wir sind, werden wir gleich an den Tisch gebeten. Für den ersten Hunger werden uns Mangos und Ananas aus dem eigenen Garten serviert und kurze Zeit später kocht Maria, die Angestellte, uns ein feines Abendessen. Dies war quasi ihre letzte Amtshandlung, am anderen Morgen wird die Familie entlassen, warum verstehen wir nicht ganz. In den drei Tagen auf der Finca und in der topmodernen Wohnung des Bruders von Sandra in der Stadt Sincelejo erhalten wir einen tiefen Einblick in das kolumbianische Leben. Gastfreundschaft steht hier über allem und wir werden von A-Z verwöhnt. Mit unseren Spanisch(un)kenntnissen stossen wir schnell an unsere Grenzen, aber die Familie bringt viel Geduld für uns und unser Gestotter auf. Zum Abschluss unseres Aufenthaltes werden wir von unserer Gastgeberin Sandra auch noch reich beschenkt, was uns sehr freut, aber uns gar nicht recht ist. Es sind für uns vier ganz tolle Tage mit vielen bleibenden Erlebnissen. Eines davon soll an dieser Stelle noch erwähnt werden:

Am Tag vor unserer Abreise kommt ein befreundetes Pärchen der Familie zu Besuch auf die Finca. Der Mann, ein Radiomoderator, nutzt die Gunst der Stunde und ehe ich meine triftigen Einwände wie zum Beispiel fehlende Spanischkenntnisse anbringen kann, habe ich bereits ein Mikrofon vor dem Mund und werde für den hiesigen Sportsender interviewt. Einmal in Fahrt, ist er nicht mehr zu bremsen und organisiert für uns auch gleich noch ein Interview bei der Zeitung. So werden wir am Sonntagmorgen um acht Uhr von der Familie und dem Freund der Familie zum Verlagshaus begleitet. Nach dem Fotoshooting versuchen wir dem Journalisten Red und Antwort zu stehen. Tatsächlich erscheint der Artikel am nächsten Tag in zwei Zeitungen und wir schaffen es auf die Seite 1 des Sportteils, noch vor den Fussballmeldungen.

Mit Adrenalin im Blut und der Sonne im Gesicht geht’s dem Ziel entgegen. Es folgen zwei anstrengende Radtage bei 38 Grad. Die Küstenbewohner sind ein lebensfrohes Völkchen, Salsarhythmen ertönen an jeder Ecke und wir werden von allen Seiten gegrüsst. Zum allerletzten Mal kommen wir in den Genuss einer Raststättenunterkunft. Das Wasser, das aus der Duschbrause kommt, ist tiefbraun – who cares.

Am anderen Morgen ist alles wie immer und doch irgendwie anders. Genüsslich verdrücken wir unser Rührei mit Reis – ein allerletztes Mal. Je näher wir der Millionenstadt Cartagena kommen, desto schmutziger wird es. Das Strassenbord gleicht einer Müllhalde und nicht selten müssen wir die Hand schützend vor die Nase halten. Mit der Ruhe ist es etwa dreissig Kilometer vor dem Ziel endgültig vorbei, wir werden vom Verkehrsstrudel mitgerissen und fünf Herzstillstände später im Herzen der Stadt ausgespukt.

Wir sind am Ende. Päng. Am Ende unserer Südamerikaradreise.

 

Uns bleibt eine Woche Zeit für die Grobverarbeitung der aufgestauten Eindrücke, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben. Zeit, die wir dringend benötigen. Cartagena erweist sich als perfekter Zielort. Die Kolonialstadt hat viel Flair und in den autofreien Gassen der Altstadt kann man dem Trubel entschwinden und bei einer Portion Eis die Seele baumeln lassen. Aber ganz ohne Sport geht es auch hier nicht. Wir versuchen uns im Kytesurfen.

Bereits am 20. April steigen wir in Miami auf den Luxusdampfer Norwegian Epic und tuckern gemächlich in Richtung Europa. Ab dem 6. Mai fahren wir schliesslich unserer Heimat entgegen und bald sind wir bei euch.

Bilder: Kolumbien

3 thoughts on “Adios, chao und hoffentlich hasta luego

  1. Balz Hedinger
    25 Mai, 2013 at 00:46

    Hallo zusammen
    Kaum seid ihr weg, lese ich schon von Heimkehr. Wie auch immer, wenn ihr glaubt Kolumbien ist gefährlich dann sage ich: Spanien und z.B. Barcelona sind viel schlimmer… Also gilt weiterhin: Ladrones gibt es überall auf der Welt.
    Liebe Grüsse aus Arizona (mit dem Auto unterwegs) aber wenn ich Radfahrer sehe sage ich immer zu meinen Frauen: Schaut mal Sven und Sara,-)

    Gruss
    Balz und Familie

  2. Gabi Rumpe
    2 Mai, 2013 at 19:34

    Freue mich riesig, wenn du Sarah wieder in unserem Team bist.
    Herzlichst Gabi Rumpe

  3. Amalia
    20 April, 2013 at 17:38

    Liebe Freunde, ich bin sehr beeindruckt von eurer reise. Zugleich bin ich aber sehr froh, dass es euch gut geht und wir bald auf ein Wiedersehen anstoßen können! Genießt die Fahrt auf See! Ahoi!

Kommentar verfassen